Gesellschaft für Geschichte des Weines

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2026: Ein Glas voller Zeit

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Kategorie: Buchbesprechungen

Ilija Trojanow: Ein Glas voller Zeit. Residenz Verlag, Wien. 146 Seiten. ISBN 978-3-7017-3462-7. 18,00 Euro. 

Es ist ein nicht alltägliches Weinbuch. Zuerst eine Nachricht zum Verkauf eines Weingutes, das sich an der Mosel mit Wein aus steilen Lagen einen sehr guten Ruf erwarb und damit auch dem Gebiet viel Reputation bescherte: Heymann-Löwenstein in Winningen konnte noch im alten Jahr mangels Nachfolge in der Familie den 1980 gegründeten Betrieb mit 14 Hektar Rebfläche an einen Weinhändler aus Backnang und dessen Partner verkaufen. Durchaus denkbar, dass Reinhard Löwenstein nochmal selbst in die Tasten greift wie bei seinem 2009 erschienenen, heiß diskutierten Buch „Terroir – Weinkultur und Genuss“. Aber jetzt schon konnte er einen renommierten, vielfach ausgezeichneten, international aktiven Autor zu einem sehr speziellen Buch mit viel Poesie und auch Unterhaltungswert anregen: Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren, konnte im Kindesalter Asyl in Deutschland finden, studierte verschiedene Fächer in München, gründete selbst einen Verlag, lebte dann in Bombay und Kapstadt und pendelt heute zwischen Wien und Stuttgart. 

Reinhard Löwenstein lernte er bei einer Weinprobe kennen, die in eine Freundschaft mündete. Und so entstand die Idee, den Weltenbummler auf Wein loszulassen. Entstanden ist alles andere als das Portrait eines Weingutes oder Winzers. Er befasst sich wortreich mit Wein an sich, seinen unterschiedlichen Facetten, seiner Entstehung, seiner Bedeutung in der Geschichte und den Unterschieden des Terroirs und dessen Einfluss auf den Wein. Er macht einen Abstecher nach Georgien und lobt die dort wiederentdeckten Amphoren für den Ausbau (einen Tick zu euphorisch, weil da auch eher gruselige Weine gefüllt werden). 

Einblicke in die Natur werden gegeben, den Umweltschutz, seine Vernachlässigung auch im Weinbau dargestellt. Interessant ist eine Abrechnung mit dem Vater der Biodynamie, Rudolf Steiner. Den bezeichnet er mehr oder weniger als Scharlatan. Positiv geht er auf das Geschmacksempfinden der Weinfreunde ein, mit viel Phantasie und glänzenden Formulierungen. Das Buch, in dem Heymann-Löwenstein sehr wenig vorkommt, ist glänzend geschrieben, vieles zum Wein neu gedacht und so mitreißend dargestellt, dass man es erst nach einigen Stunden gelesen auf die Seite legt. Am Ende wird beschlossen dem Wahlspruch des Autors „Trinken sollte man nicht allein“ zu folgen.

Rudolf Knoll, Schwandorf

2026: Der Weinbauverwalterstammtisch Bernkastel-Kues. 75 Jahre Pflege Weinkultur. Ein Streifzug im Wandel der Zeit

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Kategorie: Buchbesprechungen

Harald Schöffling: Der Weinbauverwalterstammtisch Bernkastel-Kues. 75 Jahre Pflege Weinkultur. Ein Streifzug im Wandel der Zeit. Trier: Verlag für Geschichte & Kultur 2025,
80 Seiten. ISBN: 978-3-945768-47-1. Preis: 16,50 Euro.

Eigentlich muss man den Autor des Buches nicht vorstellen, denn er ist seit vielen Jahren Mitglied unserer Gesellschaft und ein bekannter Autor von Fachbüchern und -artikeln. Nur soviel: Er war viele Jahre Leiter der Zentralstelle für Klonenselektion und des Ständigen Sekretariats des Rebsortenprüfungsausschusses Rheinland-Pfalz in Trier.

Mit diesem Buch legt er „ein besonderes Dokument über Jahrzehnte gepflegter Weinkonsum- und Weingesprächskultur“ im Weinbaugebiet Mosel vor. Der Weinbauverwalter-Stammtisch Bernkastel-Kues wurde 1948 von Eduard Wiemer (1911 – 1998) gegründet. Er war Leiter der damaligen Staatlichen Rebenveredlungsanstalt in Bernkastel-Kues. Zielsetzung war und blieb, Orte der Begegnung zu schaffen, das soziale Miteinander zu stärken und Diskussionsräume zu erschließen, um den weinbaulichen Fortschritt zu fördern. Im Jahre 2008 wurde der Weinbauverwalter-Stammtisch in Önologen-Stammtisch umbenannt, der besonderen Wert auf die Wein-Sensorik legt. 

Treffpunkt war anfangs die damalige Landesanstalt für Rebenveredelung in Bernkastel, danach die Weinstube Thanisch in Lieser, es folgte die Alte Kirche in Wehlen, und heute wird in der Norbert Kreuzberger’schen Kellerklause in Wehlen probiert. Seit einigen Jahren hat er zwölf Mitglieder, die sich alle vier Wochen treffen. Im Text und auf den zahlreichen Fotos werden Erinnerungen an Persönlichkeiten geweckt, die den Weinbau an der Mosel in den letzten 80 Jahren geprägt haben. Der Autor stellt neun weitere Weinbaustammtische vor, die inzwischen an der Mosel eingerichtet wurden, weitere sollen folgen. Sie sind laut Schöffling alle bestrebt, das weinkulturelle Erbe im ältesten deutschen Weinbaugebiet zu erhalten. 

Auf den 80 Seiten des reich bebilderten Buches geht es nicht nur um eine reine Schilderung des allgemeinen Stammtischablaufs von 1948 bis zur Gegenwart. Vielmehr werden auch Entwicklungen im Weinbau aufgezeigt und ein Blick auf politische und weinrechtliche Rahmenbedingungen geworfen. Ein Buch für alle, die sich für die gelebte Weinkulturgeschichte an der Mosel interessieren.  

Rudolf Nickenig, Remagen

2026: Wein & Weinbau in Mitteleuropa

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Kategorie: Buchbesprechungen

Daniel Deckers: Wein & Weinbau in Mitteleuropa. Böhlau Wien 2025. 451 Seiten. ISBN 978-3-205-22228-6. 45,00 Euro.

Wer Bücher liebt und dieses Fachbuch in die Hand nimmt, der wird bereits mit dem ersten Augenschein mehr als zufrieden sein: Haptik und Graphik sind sehr ansprechend. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis löst Neugierde aus, denn die Kapitel tragen unkonventionelle
Überschriften: 

  1. Die Musik besser als die Weine – Weinkultur in Wien
  2. Ein Wüstenland am Meer? Weinbau an der Böhmischen Pforte einst und jetzt
  3. In alle Winde zerstreut. Weinbau in Deutsch-Südmähren – und was daraus wurde.
  4. Burg und Berge. Pressburg und die kleinen Karpaten – ein Blick (nicht nur) zurück.
  5. Klasse Statt Masse. Eine kurze Geschichte des Weinbaus im Burgenland.
  6. Grüne Mark. Weinbau in der Steiermark vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
  7. „Vereinigt Euch“ Edmund Mach (1845–1901) und der Weinbau in Südtirol.

Die Gründe für diese auf den ersten Blick erstaunliche Auswahl an mitteleuropäischen Weinbauregionen erläutert der Autor in seinem Vor- und Nachwort. Eine Exkursion im Jahr 2018 mit österreichischen Weinexperten an die Grenzen zu Slowenien, Ungarn und der Tschechischen Republik gab den Anstoß für das Buch. Es war die Wahrnehmung vor Ort, nämlich die Öffnung der Türen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989, so dass Weinbaugebiete und -betriebe wieder zusammenfinden konnten, die über Generationen getrennt waren. 

Nach dem Ersten Weltkrieg hatten neue staatliche Grenzen zusammenhängende Anbaugebiete zerschnitten. Am Ende des Zweiten Weltkriegs bedeuteten Flucht und Vertreibung der deutschsprachigen Minderheiten vielerorts das Ende einer jahrhundertealten Weintradition. Politische Umwälzungen zogen die Weinwirtschaft in Mitleidenschaft, die Umstellung auf neuzeitliche Weinbaumethoden kam nur langsam voran. Daniel Deckers begibt sich ab 2019 immer wieder auf eine Spurensuche von Nordböhmen über Südmähren, die Kleinen Karpaten und Wien, das Burgenland, die österreichische und slowenische Steiermark bis nach Südtirol und ins Trentino. 

Den Faden der politischen Grenzverschiebungen und ihren Auswirkungen auf den Weinbau und Weinhandel weiterspinnend hat der Autor eine Geschichte der mitteleuropäischen Weinwirtschaft als eine politisch- kulturelle Verflechtungsgeschichte geschrieben. Deckers sieht im Medium Wein und seiner Geschichte ein besonderes Potenzial, um die jüngere Geschichte Mitteleuropas zu betrachten. Es gelingt ihm vorzüglich, die Leser neugierig zu machen auf Kulturlandschaften im Herzen Europas und dabei auf das Verbindende und das Trennende einzugehen. Der Autor beherrscht die Klaviatur der Instrumente, um die Leser seines Buches in seinen Bann zu ziehen. Dazu gehören verblüffende Informationen, wie die auf Seite 19, dass die Wiener Weinkeller von Weinhändlern oder auch die von Stiften/Klöstern „Orte jeder Art abweichenden Verhaltens“ einer bestimmten Art von Damen waren. Der Autor benutzt einen reichhaltigen journalistischen und wissenschaftlichen Instrumentenkasten, um die komplexe mitteleuropäische Verschränkung von Geschichte, Politikwirtschaft und Weinbau für den interessierten Leser gut verständlich überzubringen. 

Die außerordentliche Recherchearbeit, die diesem Werk zugrunde liegt, lässt sich unter anderem am umfangreichen Fußnotenapparat erahnen, der am Schluss des Buches 77 Seiten füllt. Hinzu kommen 20 Seiten Quellen- und Literaturangaben. Sie war laut Autor auch notwendig, denn auf seinen Reisen waren für ihn die historischen Strukturen nur noch schemenhaft vorhanden oder erkennbar. Das Buch regt an, sich intensiver mit diesen oft übersehenen alten Weinkulturlandschaften zu beschäftigen. Zumal der Autor etwas enttäuscht, aber wohl realistisch feststellen muss, dass nach der Öffnung der Grenzen 1989/90 bisher noch nicht der Aufschwung und das Zusammenwachsen dieser Grenzregionen erreicht wurde, der damals im ersten Überschwang der Gefühle erträumt wurde.

Rudolf Nickenig, Remagen

2026: Économie du vin

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Jean-Marie Cardebat: Économie du vin. Neue Auflage August 2025, Paris, Taschenbuch, Éditions de la Découverte. 127 Seiten. 11,00 Euro. 

Die Neuauflage der Économie du vin von Jean-Marie Cardebat, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bordeaux, ist eine erfrischende Lektüre. Zum einen überzeugt diese „Weinwirtschaft“ aus der Feder eines ausgewiesenen Experten für internationale Weinvermarktung durch präzise Sprache und klaren Aufbau. Zum anderen nimmt sie nicht nur die Welt der Spitzengewächse in den Blick, sondern die gesamte Breite der Weinproduktion. Besonders wohltuend hebt sich das Werk durch seinen positiven Grundton von den zahlreichen Kassandrarufen ab, die derzeit die Debatten über die Zukunft der Weinwirtschaft und -kultur prägen.

Cardebat verkennt keineswegs die Vielzahl an Herausforderungen, mit denen die Branche aktuell konfrontiert ist – ganz im Gegenteil. Doch seine historisch wie international fundierte Perspektive ermöglicht es ihm, die gegenwärtigen Entwicklungen differenziert zu analysieren und einzuordnen. Seine zentrale Botschaft lautet: Krisen in der Weinwelt kehren zyklisch wieder, auch als Folge der allgemeinen weltwirtschaftlichen Lage. Die Vernichtung von Produktionsmitteln durch Ausstocken sei daher eine unglückliche Reaktion, da sie die Teilhabe am nächsten Aufschwung verhindere und betroffene Weinregionen dauerhaft schwäche. Hier geht es dem Autor ums Prinzip, da er auf Instrumente wie die z. B. vom DWV vorgeschlagene Rotationsbrache nicht eingeht.

Mit seiner Diagnose der aktuellen Krise als Absatzkrise steht Cardebat natürlich nicht alleine da. Er betont jedoch, dass sie teilweise das Ergebnis früherer Entscheidungen ist – Entscheidungen, die in einer Phase neu justiert werden sollten, in der sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite große Umbrüche stattfinden (neue Wein­regionen, Klimawandel, Wandel der Konsumgewohnheiten, Feminisierung des Konsums u. a.). „Es gilt, eine neue Verbindung zwischen Wein und jungen Menschen herzustellen, dem Wunsch der Verbraucher nach Wohlbefinden und Gesundheit gerecht zu werden und die Authentizität der Winzer zu unterstreichen. Angesichts des Handelskrieges müssen auch die Exportziele neu definiert werden. (…) Wir wagen es, die Konturen dieses nächsten Zyklus anhand von zwei Schlüsselbegriffen zu skizzieren: Nähe und Gesundheit“ (S. 60).

Wie fruchtbar es sein kann, sich der Zukunft zuzuwenden statt an den Erfolgen der Vergangenheit festzuhalten, illustriert Cardebat am Beispiel Italiens: Das Land hat Frankreich jüngst im Produktionsvolumen überholt und dürfte dies bald auch im Umsatz­volumen tun. Besonders verweist der Autor auf die erfolgreiche Prosecco-Vermarktung, die z. B. mit Aperol Spriz ein Getränk auf Weinbasis neu in den Konsumgewohnheiten – nicht nur der jungen Generation – verankert hat.

Über die Analyse der aktuellen Lage hinaus bietet das Buch eine Fülle an Details zu Mechanismen und Akteuren der Weinwirtschaft. Sie sind nicht nur für Fachleute, sondern auch für interessierte Weinfreunde und Weinfreundinnen erhellend und erinnern daran, wie vielseitig und faszinierend die Welt des Weins doch ist.

Karoline Knoth, Meursault

2026: Das Wallis und seine Weinetiketten / Le Valais et ses étiquettes de vin

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Simon Roth / Nikolaus Bodenmüller: Das Wallis und seine Weinetiketten / Le Valais et ses étiquettes de vin. Editions Monographic SA, CH-3960 Sierre, 2025. 200 Seiten. Zweisprachig: Französisch-Deutsch. ISBN: 978-2-88341-345-0. 50,00 CHF. 

Die beiden Autoren, Nikolaus Bodenmüller und der Historiker Simon Roth, haben im November 2025 ein umfassendes Werk zur mehr als 150-jährigen Geschichte der Walliser Weinetiketten vorgelegt. Beide sind ausgewiesene Kenner und führen den Reichtum dieser Sammlung anschaulich vor Augen. Die Auswahl bietet einen nahezu geschlossenen Überblick über Entwicklung und Vielfalt der Walliser Weinetiketten – „auch wenn die Vollständigkeit in diesem Bereich ein stets unerreich­bares Ziel bleibt“. Ungeachtet dessen macht das Buch Walliser Weinetiketten in großer Breite als kulturhistorische Quelle und grafisches Erbe zugänglich. 2018 übergab der Sammler Nikolaus Bodenmüller der Mediathek Wallis mehr als 100.000 Weinetiketten aus dem Wallis aus seiner über 500.000 Etiketten umfassenden Privatsammlung. Aus diesem Bestand wurde nun eine sorgfältig kuratierte Auswahl für das vorliegende Buch zusammengestellt.

In neun thematischen Kapiteln spannt der Band den Bogen von den Anfängen des Etiketts und der Rebsortenwelt über historische Motive und regionale Archetypen bis zu großen Kellereien, Künstleretiketten und Serien. Simon Roth, wissenschaftlicher Bibliothekar der Mediathek Wallis, widmet sich im ersten Kapitel dem Thema „Das Weinetikett – Zeitzeuge aus Papier“. Er zeigt auf, dass die „ersten Walliser Etiketten (…) im Vergleich zu den bereits etablierten Waadtländer Exemplaren bescheiden (waren)“ (S. 20). Weinetiketten sind eben mehr als eine Illustration auf der Flasche: Sie erzählen Geschichte. Das erste Kapitel erzählt anschaulich die Anfänge der Etikettengestaltung und die Möglichkeiten der Drucktechnik. Als Vergleichsbeispiele werden unter anderem frühe mehrfarbige Etiketten aus Deutschland (um 1810) sowie Etiketten aus dem Rheingau (um 1885) erwähnt, bei denen man Farbdetails auf eine Lackschicht aufgetragen hat 

Besonders überzeugen die Auswahl und die Qualität der Abbildungen: Man kann sich in die Etiketten richtig „hineinsehen“. Kurze, gut verständliche Erläuterungen zu den Etiketten schärfen den Blick ohne zu belehren. Den Abschluss bildet ein Interview mit dem Sammler Nikolaus Bodenmüller über die Ursprünge und die Entwicklung seiner Sammelleidenschaft. Ein Literatur- und Bildquellenverzeichnis rundet den Band ab. Der Band bewegt sich überzeugend zwischen Bildband und kulturhistorischer Dokumentation. Er ist nicht nur Dokumentation, sondern auch ein ästhetisches Erlebnis. Verarbeitung und Ausstattung – Fadenheftung, Einband und die Vielzahl an Abbildungen – machen ihn zu einem Sammlerstück für Weinliebhaber, Grafikfreunde und alle, die sich für die Geschichte und Identität des Wallis und seines Weinbaus interessieren.

Klaus Veit, Schlierbach (CH)

2025: Vom böhmischen Wein – Eine Huldigung an den Rebensaft

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Daniel Deckers und Harald Salfellner (Herausgeber), Adolf Hoffmeister (Illustrator): Vom böhmischen Wein – Eine Huldigung an den Rebensaft. Vitalis Verlag Haselbach. 378 Seiten; ISBN: 978-3-8991-9857-7. 29,90 Euro.

„Die vorliegende Weinanthologie beruht auf Texten aus den Jahren 1930 und 1933, die in einem kulturgeschichtlichen Kontext voller Gegensätze und Spannungen entstanden sind“, ordnet Peter Becher, Schriftsteller und Literaturhistoriker, Mitglied des tschechischen PEN-Clubs in seinem Beitrag das Werk historisch ein: „Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 war das Schicksal der Weimarer Republik besiegelt und die Tschechoslowakei von einem Tag auf den anderen neben Frankreich zum wichtigsten Exilland für bedrohte und verfolgte des NS-Regimes geworden. [...] In diesem spannungsreichen Kontext war die Herausgabe der Anthologie der Weingroßhandlung Jos. Oppelt´s Neffe in Prag am 1. Mai 1933 alles andere als nur eine Jubiläumsschrift anlässlich des 110-jährigen Bestehens der Firma. Sie war ein Zeichen der Verständigung und ein Brückenschlag über vorhandene Gegensätze hinweg, der an ähnlich ausgerichtete Publikationen der Vorjahre anknüpfte. Zu diesem zählte der eigene tschechischsprachige Vorläufer, der Weihnachten 1930 erschienen war, die Anthologie Vino, gestaltet und herausgegeben von Adolf Hoffmeister, der tschechische Autoren „zu Ehren des Weines für seine Freunde und Verehrer“ […] versammelt hatte. Gemeinsam mit der deutschsprachigen Weinanthologie stellte dieser Vorläufer einen Brückenschlag zwischen der tschechischen und deutschen Kultur dar.“ 

Das Vorhaben von Frantisek Cebis, Prokurist der Prager Weinhandlung Jos. Oppelt´s Neffe, gelang. Er konnte die besten Schriftsteller Böhmens und Mährens für seine Anthologie zu Ehren des Weines gewinnen. Dem Vorhaben war Erfolg beschieden, als 1930 Víno in tschechischer und 1933 Wein in deutscher Sprache erschien. Was in der literarischen Szene an der Moldau Rang und Namen hatte, trug mit Feuilletons, Gedichten und Liedern ein Scherflein bei zum Schönsten, Tiefsinnigsten und Beschwingtesten, das je über den Rebensaft gedruckt wurde, sind sich die heutigen Herausgeber einig. Jahrzehntelang vergessen, liegen beide Sammlungen nun in der originalen Ausstattung vor, und erstmals vollständig zu einem Band vereint. Ergänzt werden die Texte aus den 1930er Jahren um eine Einordnung der Geschichte des böhmischen Weinbaus aus heutiger Sicht durch Daniel Deckers. Peter Becher äußert sich zur Prager Weinszene im Schicksalsjahr 1933. Und Mitherausgeber Harald Salfellner stellt Wein und Literatur zur Weingroßhandlung Jos. Oppelt´s Neffe in Prag vor, anschaulich ergänzt mit historischen Fotos. Texte und Karikaturen lassen ein großes Lesevergnügen erwarten.

Die Redaktion

2025: Das Deutsche Küchen- und Weinwunder – Gourmandise in Deutschland, 1970–2025

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Kategorie: Buchbesprechungen

Daniel Deckers/Josef Matzerath: Das Deutsche Küchen- und Weinwunder – Gourmandise in Deutschland, 1970–2025. Transcript-Verlag Bielefeld 2025. 378 Seiten, Print (kartoniert) ISBN 978-3-8376-7749-2. 39,00 Euro; E-Book (PDF) ISBN 978-3-8394-0509-3. 39,00 Euro.

Exquisite Küche und Wein sind in Deutschland erst seit den 1970er Jahren ein kulturelles Thema – dem Gastronomiekritiker Wolfram Siebeck erschien es z. B. wie ein Wunder, dass hierzulande Restaurants entstanden, deren Chefs sich an Frankreichs Spitzenküche orientierten. Auch beim Wein war Frankreich spitze, während Deutschland viel aufzuholen hatte. Heutzutage genießt Wein aus deutschen Anbaugebieten weltweit hohes Ansehen. Josef Matzerath und Daniel Deckers rekonstruieren die Geschichte der kulinarischen Trends in der exquisiten Küche sowie die Entstehung bzw. Entwicklung der Gastronomiekritik und die Erfolgsgeschichte des deutschen Spitzenweins der letzten fünf Jahrzehnte. Dabei verstehen sie sich als Historiografen der Geschichte einer kulinarischen Ästhetik, die das Land bis heute prägt. Die Parallelität der Entwicklungen ist beeindruckend, und die nicht mehr ganz jungen Leserinnen und Leser werden sich beim Lesen an eigene Erlebnisse aus den 1980/90er Jahren erinnern, als kulinarische, teils hedonistische Vermählungen neuer deutscher Spitzenküche und -weine zelebriert wurden. Daniel Deckers versteht seine Darstellung nicht als umfassende historische Erfassung aller Beteiligten, sondern als ein Narrativ eines Prozesses, bei dem er sehr oft den Traubenadler erwähnt, wohlwissend, dass es auch andere beeindruckende Zugvögel am Himmel der Genießer gab und gibt, die dem Küchen- und Weinwunder immer wieder neuen Erzählstoff bescheren.    

Die Redaktion

2025: Dolia: the containers that made Rome an empire of win

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Cheung Caroline: Dolia: the containers that made Rome an empire of wine. Princeton: Princeton University Press, 2024. 344 Seiten; ISBN: 9780691243009. Preise ohne Gewähr: 55 Dollar als e-book, ca. 39 Dollar als gebundenes Buch.

Die Geschichte Roms steht für Kriege, Herrscher, Gladiatorenkämpfe und Eroberungen. Meist geschrieben aus der Sicht der Alphatiere, weniger aus der des gemeinen Volkes, nicht neu für die Mitglieder der Gesellschaft der Geschichte des Weines. Anders das neue Buch von Caroline Cheung. Rom wird nicht als politisch-wirtschaftliches Weltreich definiert, sondern als Imperium des Weines, befördert durch Dolia (Einzahl Dolium). Das sind die großen, dickbauchigen, ei- oder erdbeerförmigen, in der Erde eingelassenen Gär- und Lagerbehälter mit weiter Öffnung. Sie sind bei uns weniger bekannt und waren auch weniger verbreitet als die wie Sand am Meer vorkommenden Amphoren, die als Transportbehälter wesentlich kleiner sein mussten und zur besseren Lagerung unten spitz zuliefen. Sie finden sich nicht zuletzt in Hunderten untergegangener Handelsschiffe an den Küsten des Mittelmeeres, neben nur wenigen Wracks mit Dolia. 

Natürlich ist über den römischen Weinbau, die Kellerwirtschaft und das römische Trinkverhalten bereits viel geschrieben worden. Wir wissen gut Bescheid über die römische Kellertechnik, die in Großbetrieben mit Pressen oder Konzentratanlagen industriellen Charakter aufwies. Was eher nicht im Fokus stand, waren diese Dolia. Deren Bedeutung liegt im wahrsten Sinne des Wortes vergraben, und ruhende technische Objekte neigen dazu, unter dem Radar der Aufmerksamkeit zu fliegen. Wer schreibt das erste Buch über die Geschichte der Schläuche und Leitungen, heute mindestens genauso wichtig wie Tanks? Dolia ließen sich nicht nur zum Aufbewahren, sondern auch zur Gärung nutzen und waren damit ein verfahrenstechnisches Gerät der Kellerwirtschaft. Unten kann sich Trub konzentriert sammeln, eingegraben in der Erde sind sie äußerst stabil und halten die Temperatur halbwegs konstant.

Zum Glück hatten bereits vor rund 20.000 Jahren nicht namentlich bekannte Genies in China begonnen, aus Ton Gefäße zu brennen. Die ersten Keramik-Technologen für die Herstellung von Wein waren ab 6.000 vor unserer Zeitrechnung die Georgier mit ihren Qvevries, die in Aussehen und Herstellung sehr stark den römischen Dolia ähneln. Später sieht man auf ägyptischen Wandbildern ähnliche Gefäße, die Griechen kannten solche Behälter natürlich auch und nannten sie Pithoi. Insgesamt gehören Erfindung und Nutzung von Keramikgefäßen zu den wichtigsten Erfindungen der Steinzeit; eine Erfindung, die es schließlich ermöglichte, eine wachsende Bevölkerung in großen urbanen Zentren mit jeder Art von Lebensmitteln zu versorgen. Festzuhalten ist, dass die Keramikbehälter eindeutig keine römische Erfindung sind, die Römer aber alles in eine größere, industrielle Dimension transformierten. 

Keramik in all seinen Schattierungen spielt bis in die Gegenwart eine nicht unwesentliche Rolle. Das, obwohl Kelten um die Zeitenwende den Siegeszug des Holzes einläuteten, zunächst im Norden, in den folgenden Jahrhunderten nach und nach überall. Im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. wurden Dolia auch in Rom allmählich durch Holzfässer ersetzt, die waren kostengünstiger zu beschaffen im Handling wesentlich praktischer. Die Verwendung von Keramikbehältern hält trotzdem bis heute an, trotz der Erfindung von Edelstahltanks nach dem 2. Weltkrieg. Man mag es als eine Ironie der Geschichte sehen, aber in nicht wenigen Weinbaubetrieben stehen große Holzfässer, Keramikbehälter und Edelstahltanks heute friedlich nebeneinander. Dabei sind Gefäße aus Keramik oder Holz, speziell die Barriques, oft mehr als nur Lagerbehälter. Wer als Winzer den Kachetischen Stil nachahmt, die traditionelle georgische Technik und immerhin Weltkulturerbe, kann auf höchstem Niveau „Story Telling“ betreiben. Er nennt seine Weine dann wegen ihrer Farbe Orange Wines oder Naturwein. Die Sommeliers danken.

Caroline Cheung bewegt sich sehr konsequent innerhalb des Buchtitels und spricht Fachleute, aber ebenso interessierte Laien an. Das Buch verbindet Archäologie, Önologie, Historie und Kultur, eigentlich ideal für die GGW. Das Thema ist, einschränkend, allein Rom und dessen Containern gewidmet, der Rest der Welt und die Bedeutung von Keramik insgesamt werden weniger ins Auge gefasst. Wer Hammer ist, sieht die Welt als Nagel. Dafür deckt das Buch das römische Imperium und vor allem die Vielfalt der Behälter umfassend ab. Cheung sieht die Weinbehälter als die Superstars der gigantischen römischen Lager- und Infrastruktur für Lebensmittel. Eine rettungslos überbevölkerte Stadt mit bis zu einer Million Einwohnern zu versorgen, war alles andere als trivial. Letztlich war dazu unter anderem eine regelrechte Industrie zur Herstellung der Dolia entstanden. Allein in Mittelitalien ließen sich im 1. Jahrhundert n. Chr. 20 Produktionsstätten identifizieren. Sie produzierten Dolia für rund 100 Kellereien in dieser Region, die sich die großen Behälter mit hohen Anschaffungspreisen leisteten. Aber überall, wo es Römer und Wein gab, Spanien, Frankreich, Nordafrika, waren Dolia in unterschiedlichen Größen zu finden. 

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf Wein und noch etwas auf Olivenöl als Inhalt. Weizen oder Garum, das Maggi der Antike, werden ausgeklammert. Die unterschiedlichen Formen (rundlich, klein, groß, dünn, dick usw.), die Herstellung, die häufig notwendige, aufwendige Reparatur sind ihr Thema. Besonders die Reparatur war angesichts von deren hohen Anschaffungskosten immer erste Wahl. Dazu beschreibt sie regionale Unterschiede oder die Evolution der Dolia im Laufe der Zeit. All das wird in neun Kapiteln auf 210 Textseiten mit 75 Bildern und Grafiken anschaulich und ausführlich dargestellt. Ein Anhang von rund 130 Seiten mit großem Literaturverzeichnis und weiteren Erläuterungen zeigt die Tiefe, mit dem das Thema angegangen wird.

Dolia waren die größten Behälter ihrer Zeit, oft mit 1.000, aber auch bis 3.000 Liter Inhalt in Kellereien, deutlich kleinere in Gaststuben oder Landgütern.  Vorausgegangen waren die griechischen Pithoi (Einzahl: Pithos), auch bis einige Hundert Liter fassend, unterschieden die sich von den Dolia in ihrer Form, sie waren eher für oberirdische Lagerung gedacht und nicht selten verziert. Kleinere Exemplare wurden sogar als Urnen nach einer Kremierung verwendet. Diesen, samt den georgischen Qvevries, liegt die gleiche anspruchsvolle Herstellung mit viel Spezialwissen zugrunde. Schichtweiser Aufbau mit speziellem, möglichst mineralreichem Ton, oft das Geheimnis des Produzenten, nur wenige Zentimeter täglich in die Höhe wachsend, dann einige Tage Lufttrocknen, bevor bei über 1.000 Grad Celsius mehrere Tage gebrannt wurde. Nach dem Auskühlen waren die Behälter transportbereit. Ausgekleidet wurden sie in der Antike mit einer dünnen Schicht Holzteer, die ein rauchiges Aroma ergibt und noch einen gewissen Gasaustausch erlaubt. Die heutigen Qvevries sind mit Bienenwachs ausgekleidet und sind so in der Lage, mit einer Art Mikrooxigenation (ein dosiertes Zuführen von reinem Sauerstoff zum Most oder jungen Wein) die Reife des Weines zu unterstützen. In den Kellereien wurden die Dolia in der Erde eingegraben, bis nur noch der obere Wulst herausschaute. Sie konnten mit Deckeln weitgehend luftdicht verschlossen werden. In Großbetrieben mit Dutzenden dieser Behälter betrugen die Abstände zwischen den Dolia oft nur wenige Zentimeter.

Die Weinherstellung mit und in diesen Behältern konnte auf unterschiedlichen Wegen erfolgen: Als reine Mostgärung, als Maischegärung mit weißen oder roten Trauben, abgebeert oder mit ganzen Trauben, evtl. noch mit Erwärmung (Kühlung war in römischer Zeit schwieriger), Lagerung nur kurz oder über Monate in den Dolia. Schwefelung gab es keine, die Gärung selbst war eine Spontangärung. Dadurch ergab sich für die antiken, aber auch für die heutigen Kellermeister, ein breites Spektrum an unterschiedlichen Weinen, je nach Philosophie des Unternehmens. Abgezogen wurde von oben, der Trester bzw. Weintrub konzentrierte sich unten. In die größeren Dolia (oder Qvevries), ab etwa 800 bis 1.000 Liter, konnten Arbeitssklaven einsteigen und reinigen. In Georgien wird der Weinrückstand heute zu einem sehr beliebten Tresterschnaps, vergleichbar Grappa, veredelt. Aufgrund hoher Gerbstoffgehalte konnten die Weine längere Zeit gelagert werden. Der römische Weingeschmack war zumindest bei den Alphatieren auf reife Weine geeicht, die aber bei größerem Bedarf durch Erhitzung einer Schnellreifung unterzogen werden konnten.

Cheung liefert in ihrem Buch eine Fülle von Spezialwissen, das der Laie interessiert zur Kenntnis nimmt, aber letztlich nicht wirklich kritisch begleiten kann. Er ist beeindruckt von den vielen Zahlen, Daten und Fakten. Eine fachkundige Rezension von Dimitri Van Limbergen von der Universität Verona vermisst allerdings einen interpretativen Mehrwert und einen mehr übergreifenden Ansatz. Wer sich mit dem antiken Rom, seiner Weinkultur und der Technologie beschäftigen will, wird nicht zuletzt aufgrund der anschaulichen Grafiken und Fotos viel Genuss bei der Lektüre finden.    

Jochen Hamatschek, Landau

2025: Tal und Tälchen. European Essays on Nature and Landscape

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Kategorie: Buchbesprechungen

Göttert, Karl-Heinz: Tal und Tälchen. European Essays on Nature and Landscape. Hamburg 2024. 144 Seiten; ISBN: 978-3-96194-248-0. 22,00 Euro.

„Tal und Tälchen“ gehört zur Reihe der „European Essays on Nature and Landscape“, die sich essayistisch mit den Themen Natur und Landschaft befassen. In dem hier besprochenen Band geht es um das Obere Mittelrheintal und seine durch die Zuflüsse geprägten Tälchen. Man nimmt das Büchlein gerne zur Hand. Der Text ist mit überwiegend farbigen Abbildungen illustriert. Auf einer Doppelseite findet der Leser eine Karte des Rheintales zwischen Koblenz und Bingen, die sich gut zur Orientierung eignet. So hat man den Rheinsteig, 22 Burgen, Loreley und Spitznack, das Steeger Tal, die Pulsbachklamm und (weitere) Orte, die der Autor Karl-Heinz Göttert beschreibt und besucht hat, während der Lektüre problemlos im Blick. Im Vor- und Nachsatz „dräut“ (man kann es schwerlich anders ausdrücken) eine beeindruckende Zeichnung des engen Tales mit der Loreley.

Göttert macht auf rund 130 Seiten aus seiner „Anhänglichkeit an dieses Rheintal“ keinen Hehl. Vor allem sind es pointiert persönliche Begegnungen mit der Landschaft und ihren Menschen, die er schildert. Der an Natur und Kultur interessierte Leser profitiert von diesen gut vorbereiteten Kontakten, den Informationen und Reflexionen des gebürtigen Koblenzers, den die Frage umtreibt: „Was ist das eigentlich genau – eine Kulturlandschaft?“ 

Das Themenspektrum könnte breiter nicht sein. Am Beispiel seines Geburtsortes schildert Göttert die typischen und wiederholt anzutreffenden Probleme der Siedlungen im Mittelrheintal. „Denn Ehrenbreitstein hatte früh mit den negativen Seiten des wirtschaftlich wie touristisch erschlossenen Rheintals zu kämpfen“. So rückt er die optische Abschnürung durch die Eisenbahnlinie, den landschaftsverändernden Bau der Bundesstraße als Hochstraße und die zeitweilig komplette Isolation des Ortes durch den Hochwasserschutz in den Blick. Im Kapitel „Vom Fachwerk und (zu) viel Verkehr“, das sich mit Rheinstädtchen wie Oberwesel und Bacharach befasst, nimmt er dieses Thema teilweise noch einmal auf. Das hübsche Bild vom „Rhein als Gräber des Mittelrheintales“ wird im Kapitel „Von Riffen, Sandbänken und Lachsen“ mit Leben gefüllt. „Höhenburgen und Spornburgen“ werden in ihrer Bedeutung für die geistlichen und weltlichen Herrschaften (Zölle), die Romantiker („Des Knaben Wunderhorn“), die Preußenprinzen und den Ruhrindustriellen Hugo Stinnes beleuchtet. Heute sind sie die Treiber des Rheintourismus. Besonders der Verbindung zwischen (Bau)- Kultur und Natur widmet sich der Abschnitt „Auf der Burg“: Der Autor sieht Mauerreste als „eine einzige Huldigung an das Rheinische Schiefergebirge“, betrachtet Moose und Flechten, den Weißen Mauerpfeffer und den Goldlack, den ein Kreuzritter mitgebracht haben könnte. An anderer Stelle macht er die Einmaligkeit der Natur im Mittelrheintal daran fest, dass mehr als ein Drittel aller in Deutschland heimischen Pflanzenarten dort auf 0,2 Prozent der Gesamtfläche vertreten sind. „Für die Fauna gilt Ähnliches“.  Göttert bedauert, dass sich Falken, die er „die eigentlichen Burgherren“ nennt, und Dohlen bei seinem Besuch auf Burg Liebenstein nicht blicken lassen. Er vermisst den Burggarten, der den Bewohnern in alten Zeiten zur Ernährung und zu Heilzwecken diente. Bei diesem Thema lässt der Germanist Göttert, der als Hochschullehrer an der Universität Köln forschte und zuletzt in China lehrte, sein Vorwissen erkennen, das aus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Pflanzen- und Tierbüchern von der Antike bis in die Frühe Neuzeit stammt. Wenn später „Von Felsen, Steinbrüchen und Stollen“ die Rede ist, erhält der Leser Einblicke in die Erdgeschichte und staunt über „eine Verbindung in 150 Metern unter dem Rhein, wo einmal Loren hin und her fuhren“.

Den Status als UNESCO-Welterbe verdankt das „Tal“ nicht zuletzt den menschengemachten Terrassierungen der steilen Berghänge. Damit spielt der seit dem 7. Jahrhundert urkundlich nachweisbare Weinbau im Oberen Mittelrheintal auch im vorliegenden Essayband eine nicht geringe Rolle. Auf knapp zwanzig Seiten im Zusammenhang und an mehreren anderen Stellen ist von den Mühen des Terrassenweinbaus, den Brachen und allzu seltenen Zuschüssen zur Erhaltung kleinparzellierter Hänge die Rede. Auch vom Bopparder Hamm mit seinen besten Weinlagen und dem Vermarktungsproblem des Mittelrheinweins, „weil er, anders als der Wein im benachbarten Rheingau, international kaum bekannt ist“. Göttert diskutiert die durch Flurbereinigung und Querterrassierung bedrohte Ästhetik des Kleinzelligen, stellt aber zugleich fest: „Auch der Weinbau hat keine „natürliche“ Ästhetik und schon gar keinen Anspruch auf kleinzelligen Terrassenanbau“. Im Austausch mit dem Winzer Florian Weingart, der nicht nur Bäume auf einer 1200 Jahre alten Weinbergsparzelle gerodet hat, um Reben anzupflanzen, sondern auch Weinbergspfirsiche und andere Obstbäume gepflanzt hat, notiert er eine Vision, die dem Mittelrheintal ein lebendiges Erbe bewahren könnte: „Die Idee ist, ein zusammenhängendes Stück traditioneller vielfältiger Kulturlandschaft nach ökologischen Gesichtspunkten dauerhaft zu erhalten und die Monokultur des Weinbaus vielfältig zu ergänzen“. Auf Weingarts Parzellen grasen Kamerunschafe und Kühe befreundeter Landwirte. Dem Riesling hält auch dieser Winzer trotz der Probleme, die der Klimawandel mit sich bringt, die Treue. Die vielseitige Rebsorte, die in der geschützten Tallage aufgrund des Terroirs ihre ganze Qualität ausspielen könne, habe Zukunft, wenn denn die Winzer als „originäre Pfleger und Hüter dieser Landschaft“ ihr Geschäft verstünden. 

„Die unausweichliche Dynamik historischer Entwicklung“ im Blick, handelt „Tal und Tälchen“ auf anregende und unterhaltsame Art und Weise von der Vielfalt und der Identität des Oberen Mittelrheintals. Es motiviert zu Erkundungen und Wiederbegegnungen und kann auch zur Vorbereitung des für wein- und kulturinteressierte Zeitgenossen obligatorischen Ausflugs zur BUGA 2029 empfohlen werden.

Peter Schuh, Trier

2025: Winzergrab

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Kategorie: Buchbesprechungen

Andreas Wagner: Winzergrab. Emons Verlag Köln, 2025. 240 Seiten; ISBN: 978-3-74082481-5. 15,00 Euro.

Es geht um Eifersüchteleien, Erbstreitigkeiten, Hinterlist, Rachegelüste, alte und neue Rechnungen, die zu begleichen sind. Andreas Wagner beschreibt die Zustände in manchen Weinorten in Rheinhessen sehr anschaulich. Und drumherum strickt er, selbst als Winzer in einem Weinort Zuhause, heitere Episoden und muntere Feierlichkeiten im großen Stil mit viel Konsum und Völlerei und sogar einem „sportlichen“ Festzug, in dem einem Senior-Winzer, der schon auf der Spur des Mörders ist, letztlich klar wird, wer der Schurke ist, der im Weinberg zuschlug. Denn ein Mord in den Reben mit vielen Verdächtigen darf nicht fehlen in diesem Krimi. Und so ganz nebenbei beschreibt Wagner, welche Probleme Winzer in der heutigen Zeit haben, erklärt, wie guter Wein entsteht und warum es auch mäßige Gewächse gibt. So wird das „Winzergrab“ auch zum Fachbuch. Dass sich vielleicht manche Orte und Protagonisten wiedererkennen, hatte noch keine Auswirkungen auf den Autor. „Bisher gab es keine Proteste“, verrät Andreas Wagner (Jahrgang 1974) nach einem Dutzend flott geschriebener Winzerkrimis. Aber er kennt seine Pappenheimer, führt selbst mit seinen beiden Brüdern und der ganzen Familie ein alteingesessenes 23-Hektar-Weingut mit Straußwirtschaft in Ettenheim, das ihm vermutlich auch reichlich Inspiration für seine flott und anschaulich geschriebenen Krimis vermittelt. Er selbst beschreibt die Arbeit mit „Jeder macht alles, ich mag am liebsten Riesling und Spätburgunder“.

Rudolf Knoll, Schwandorf

 

2024: Das Deutsche Weinbaujahrbuch 2024

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Kategorie: Buchbesprechungen

Stoll, Manfred und Schultz, Hans-Reiner (Hrsg.): Das Deutsche Weinbaujahrbuch 2024.  256 Seiten, 26 Farbfotos, 41 farbige Zeichnungen, 25 Tabellen, kartoniert. ISBN 978-3-8186-2037-0. 14,95 Euro. E-Book (PDF) 11,99 Euro. 

In diesem Jahr ist das 75. Deutsche Weinbaujahrbuch erschienen. Im Vorwort erinnern die heutigen Herausgeber Prof. Dr. Hans-Reiner Schultz und Prof. Dr. Manfred Stoll an die Leistungen ihrer Vorgänger, namentlich Dr. Bruno Götz, Dr. Waldemar Madel und Dr. Günther Schuft. Zutreffender Weise stellen die Herausgeber fest, dass das Deutsche Weinbaujahrbuch über all die Jahre stets durch fachlich wertvolle Beiträge geprägt war. Von Anfang an war es den Herausgebern ein wesentliches Anliegen, den Winzerrinnen und Winzern die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft und Forschung aus den verschiedensten Gebieten in kurzen Aufsätzen zu vermitteln sowie Statistiken der Weinwirtschaft, Informationen über Rebschutzmittel, branchenrelevante Anschriften etc. an die Hand zu geben. Nicht zuletzt wurden immer wieder Beiträge aus dem Bereich Weingeschichte und Weinkultur publiziert, die für die Mitglieder unserer Gesellschaft von besonderem Interesse waren.

Auch in der 75. Ausgabe werden weinhistorische Themen aufgegriffen. Außerdem werden einige Beiträge veröffentlicht, die in einem Bezug zu den jüngste Tagungsthemen unserer Gesellschaft stehen. Lutz Häfner beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit „In den Sand gesetzt? Der Weinbau auf Sandböden als Doppelstrategie gegen die Reblaus und die Verwüstung südrussländischer Steppengebiete im 19. und frühen 20. Jahrhundert“. Gerd Götz setzt sich mit dem Anbau und Anbauverboten von Hybrid- und Amerikanersorten in der Vorderpfalz zwischen 1890 und 1955 auseinander. Er hat seinen Beitrag mit „Vetter Kilians Erbe“ überschrieben. Im Nachgang zu unserer Regensburger Tagung weisen wir gerne auf den Beitrag von Wolfgang Rüby hin: „Der Baierwein, eine Renaissance?“ Eine lesenswerte Ergänzung zu unserem Tagungsthema Klimageschichte ist der Beitrag „Bringt die globale Erwärmung ein höheres Risiko für Spätfrostschäden?“ von Plückhahn, Brömser und Janssen. Gleiches gilt für die Veröffentlichung von Töpfer und Trapp: „Klimawandel und Nachhaltigkeit führen zu einem Wandel des Rebsortenspiegels“, ein Thema, das auch während der Frühjahrstagung am Mittelrhein diskutiert wurde. Nicht zuletzt möchten wir wieder auf die umfangreichen Informationen im Anhang des Weinbau-Jahrbuches hinweisen, darunter die Anschriften der Verbände, Organisationen, Einrichtungen des Bundes und der Länder sowie der deutschen Weinmuseen. 

Rudolf Nickenig, Remagen

2024: Die vernakuläre Weinarchitektur Österreichs

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Kategorie: Buchbesprechungen

Fries, Oliver/Gerstenbauer, Lisa-Maria/Sonnleitner, Andrea/Spera, Stefan René (Hrsg.): Die vernakuläre Weinarchitektur Österreichs, Jahrbuch für Hausforschung in Österreich, Band 4 (2022). 352 Seiten; ISBN 978-3-9519895-3-2. Erhältlich zu einem Druckkostenbeitrag von 20,00 Euro (plus 6,00 Euro Versandkosten) bei Lisa-Maria Gerstenbauer (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.). 

Der 4. Band des Jahrbuchs für Hausforschung in Österreich enthält auf rund 350 Seiten die schriftlichen Zusammenfassungen von Vorträgen, die im Rahmen der 2. Verbandstagung des Arbeitskreises für Hausforschung – Regionalgruppe Österreich zum Thema Die vernakuläre Weinarchitektur Österreichs vom 22. bis 24. Oktober 2021 im Freilichtmuseum Ensemble Gerersdorf im Südburgenland gehalten wurden. Der Band fasst den aktuellen Forschungsstand zur bäuerlich-anonymen Baukultur im Kontext von Wein- und Obstbau zusammen und widmet sich insbesondere dem Themenkreis der Kellergassen. Dabei handelt es sich um ein nicht nur auf das heutige Niederösterreich beschränktes Phänomen bäuerlicher Zweckarchitektur, die in ähnlicher Ausprägung auch in anderen Weinbaugebieten Ostmitteleuropas zu finden ist.

Das Thema der vernakulären, also traditionell gewachsenen Weinarchitektur bezieht alle Gebäude und baulichen Anlagen mit ein, die mit der Herstellung, Lagerung und Distribution von Trauben- und Obstwein auf dem Gebiet des heutigen Österreich und den angrenzenden Regionen der Nachbarländer in Beziehung stehen. Es sollen darunter rurale und anonyme Bauten verstanden werden, die nicht zum grundherrschaftlichen Eigenbetrieb gehörten. Dieser Ansatz schließt damit alle Anlagen geistlicher und weltlicher Herrschaft aus.

Aus dem Inhalt:

Oliver Fries/Thomas Schmid-Schwaigerlehner: Die vernakuläre Weinarchitektur Österreichs. Bilanz der 2. Verbandstagung des Arbeitskreises für Hausforschung – Regionalgruppe Österreich.

Gerold Esser: Die Kellergasse. Versuch einer bau- und siedlungstypologischen Gliederung.

Erich Landsteiner: Wirtschafts- und sozialhistorische Hintergründe der niederösterreichischen Kellergassen im ostmitteleuropäischen Kontext (16.–19. Jahrhundert).

Hubert Feiglstorfer: Lehm in der vernakulären Weinarchitektur in Österreich.

Erich Broidl: Funktionalität der Presshäuser in den Weinviertler Kellergassen und ihre Auswirkungen auf die Baustruktur.

Alexandra Knapp: Garben statt Reben. Zum Phänomen der Scheunenviertel in Deutschland.

Angelina Pötschner: Bauen für den Haustrunk. Das Kellerviertel Heiligenbrunn – ein Denkmalensemble im Herzen des Uhudlerlandes.

Johann Gallis/Albert Kirchengast: Das burgenländische Kellerstöckl: Mikrokosmos der Baukultur. Ein Anstoß aus gegebenem Anlass.

Astrid Kropf: Betrachtung des Presshauses aus Winten-Bergen und des Weinkellers aus Prostrum-Bergen im Freilichtmuseum Ensemble Gerersdorf.

Maria Miggitsch: Das Kellerviertel Heiligenbrunn. Baudokumentation sowie historische und soziale Betrachtungen.

Veronika Plöckinger-Walenta: Weingartenhütten – unscheinbar, aber nicht unbedeutend.

Erich Broidl: Hauerlucken. Schutzbauten der Weinhauer im Löss.

Patrick Schicht: Winzerhäuser im niederösterreichischen Industrieviertel.

Oliver Fries: Die Presshausbauten der niederösterreichischen Kellergassen. Ein Bautypus im überregionalen Vergleich.

Elisabeth Rücklinger: Die Mostproduktion im niederösterreichischen Mostviertel, deren Presshäuser, Kellerstöckl und Kellerräume.

Hermine Ploiner: Die Kellergassen Etsdorf und Walkersdorf (Niederösterreich) – eine Quellensuche.

Marina Graser: Die Raschalaer Kellergasse: Entwicklungsprozess und Sanierung.

Wolfgang Galler: Keller und Kellergassen als Schauplatz soziokulturellen Lebens im südöstlichen Weinviertel.

Ronald Kurt Salzer: Die „Alte Geringen“ in Ketzelsdorf und die „Loamgstettn“ in Ameis – zwei niederösterreichische Kellergassen im wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Vergleich.

Václav Nečada/Jana Křivánková: Geschichte der Kellergasse von Tracht (Strachotín) in Südmähren (Tschechien).

István Vincze †: Ungarische Weinkeller.

Heidrun Schroffenegger/Hildegard Thurner: Tiefer Keller, Ansetz, Torgglkeller – Überlegungen zur Architektur der Weinkeller in der Umgebung von Bozen.

Oliver Fries/Lisa-Maria Gerstenbauer/Michael Grabner: Wie es kracht im Gebälk! Dendrochronologisch datierte Baumpressen in Niederösterreich: Ein kurzer Werkstattbericht.

Zusammengefasst: Das Handbuch enthält viele spannende Berichte – und man wird als Leser etwas traurig, dass wir nicht über ein entsprechendes Werk in Deutschland verfügen. Oder positiv gewendet: die Vorlage der v. a. österreichischen Kollegen sollte Anlass geben, über ein ähnliches Projekt bei uns nachzudenken. 

Rudolf Nickenig, Remagen

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