2026: Wein & Weinbau in Mitteleuropa
Daniel Deckers: Wein & Weinbau in Mitteleuropa. Böhlau Wien 2025. 451 Seiten. ISBN 978-3-205-22228-6. 45,00 Euro.

Wer Bücher liebt und dieses Fachbuch in die Hand nimmt, der wird bereits mit dem ersten Augenschein mehr als zufrieden sein: Haptik und Graphik sind sehr ansprechend. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis löst Neugierde aus, denn die Kapitel tragen unkonventionelle
Überschriften:
- Die Musik besser als die Weine – Weinkultur in Wien
- Ein Wüstenland am Meer? Weinbau an der Böhmischen Pforte einst und jetzt
- In alle Winde zerstreut. Weinbau in Deutsch-Südmähren – und was daraus wurde.
- Burg und Berge. Pressburg und die kleinen Karpaten – ein Blick (nicht nur) zurück.
- Klasse Statt Masse. Eine kurze Geschichte des Weinbaus im Burgenland.
- Grüne Mark. Weinbau in der Steiermark vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
- „Vereinigt Euch“ Edmund Mach (1845–1901) und der Weinbau in Südtirol.
Die Gründe für diese auf den ersten Blick erstaunliche Auswahl an mitteleuropäischen Weinbauregionen erläutert der Autor in seinem Vor- und Nachwort. Eine Exkursion im Jahr 2018 mit österreichischen Weinexperten an die Grenzen zu Slowenien, Ungarn und der Tschechischen Republik gab den Anstoß für das Buch. Es war die Wahrnehmung vor Ort, nämlich die Öffnung der Türen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989, so dass Weinbaugebiete und -betriebe wieder zusammenfinden konnten, die über Generationen getrennt waren.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatten neue staatliche Grenzen zusammenhängende Anbaugebiete zerschnitten. Am Ende des Zweiten Weltkriegs bedeuteten Flucht und Vertreibung der deutschsprachigen Minderheiten vielerorts das Ende einer jahrhundertealten Weintradition. Politische Umwälzungen zogen die Weinwirtschaft in Mitleidenschaft, die Umstellung auf neuzeitliche Weinbaumethoden kam nur langsam voran. Daniel Deckers begibt sich ab 2019 immer wieder auf eine Spurensuche von Nordböhmen über Südmähren, die Kleinen Karpaten und Wien, das Burgenland, die österreichische und slowenische Steiermark bis nach Südtirol und ins Trentino.
Den Faden der politischen Grenzverschiebungen und ihren Auswirkungen auf den Weinbau und Weinhandel weiterspinnend hat der Autor eine Geschichte der mitteleuropäischen Weinwirtschaft als eine politisch- kulturelle Verflechtungsgeschichte geschrieben. Deckers sieht im Medium Wein und seiner Geschichte ein besonderes Potenzial, um die jüngere Geschichte Mitteleuropas zu betrachten. Es gelingt ihm vorzüglich, die Leser neugierig zu machen auf Kulturlandschaften im Herzen Europas und dabei auf das Verbindende und das Trennende einzugehen. Der Autor beherrscht die Klaviatur der Instrumente, um die Leser seines Buches in seinen Bann zu ziehen. Dazu gehören verblüffende Informationen, wie die auf Seite 19, dass die Wiener Weinkeller von Weinhändlern oder auch die von Stiften/Klöstern „Orte jeder Art abweichenden Verhaltens“ einer bestimmten Art von Damen waren. Der Autor benutzt einen reichhaltigen journalistischen und wissenschaftlichen Instrumentenkasten, um die komplexe mitteleuropäische Verschränkung von Geschichte, Politikwirtschaft und Weinbau für den interessierten Leser gut verständlich überzubringen.
Die außerordentliche Recherchearbeit, die diesem Werk zugrunde liegt, lässt sich unter anderem am umfangreichen Fußnotenapparat erahnen, der am Schluss des Buches 77 Seiten füllt. Hinzu kommen 20 Seiten Quellen- und Literaturangaben. Sie war laut Autor auch notwendig, denn auf seinen Reisen waren für ihn die historischen Strukturen nur noch schemenhaft vorhanden oder erkennbar. Das Buch regt an, sich intensiver mit diesen oft übersehenen alten Weinkulturlandschaften zu beschäftigen. Zumal der Autor etwas enttäuscht, aber wohl realistisch feststellen muss, dass nach der Öffnung der Grenzen 1989/90 bisher noch nicht der Aufschwung und das Zusammenwachsen dieser Grenzregionen erreicht wurde, der damals im ersten Überschwang der Gefühle erträumt wurde.
Rudolf Nickenig, Remagen

