Buchbesprechungen
Wir veröffentlichen regelmäßig Rezensionen von Büchern und anderen Veröffentlichungen der Weinkultur und Weingeschichte. Wenn Sie Anregungen für Besprechungen haben, wenden Sie sich gerne an uns!
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Jacquet, Olivier : Le goût des vins d’origine : Genèse, construction et triomphe des AOC au XXe siècle. Editions Universitaires Dijon, 2024, 436 Seiten.
In seinem neuen Buch „Der Geschmack von Herkunftsweinen: Entstehung, Konstruktion und Triumph der AOC im 20. Jahrhundert“ analysiert Olivier Jacquet die Geschichte der kontrollierten Herkunftsbezeichnungen französischer Weine. 1919 als rein räumliche Abgrenzung erdacht, um das Recht an einem geographischen Namen den örtlichen Winzerverbänden zuzusprechen, werden sie bis 1935 durch die Festlegung von Produktionsbedingungen (Rebsorte, zulässiger Ertrag) zur Voraussetzung für die Verbindung des agronomischen Begriffs „Terroir“ mit einer hierarchischen Qualitätsvorstellung. Jacquet beschreibt das Zusammenspiel bei der Definition der AOC-Weine, ihrer Analyse, der Regelung der Praktiken und der Berufsausbildung zwischen verschiedenen Akteuren: öffentlichen Institutionen, Wissenschaftlern, Erzeugern und Berufsverbänden. Wie schwierig es in dieser Aufbauphase war, Qualität zu definieren, messbar und damit objektiv nachvollziehbar zu machen, zeigen die Fragen des Alkoholgehalts und der flüchtigen Säure. Der Autor stellt diese Bemühungen in den Kontext der allgemeinen Professionalisierung von Landwirtschaft und Weinbau, aber auch der Vorarbeiten europäischer Gesetzgebung. Ein Beispiel dafür ist die Formalisierung des bis dahin eher vagen Begriffs „Terroir“ im Hinblick auf dessen Einbringung in den Prozess der europäischen Harmonisierung.
Im dritten Teil zeigt der Autor, wie eine neue, standardisierte Form der Weinverkostung auf der Basis von Aromen die bisherige „technische“ Weinprobe ersetzte und dazu dienen sollte, Weine mit kontrollierter Herkunft untereinander, aber auch von Weinen ohne AOC zu unterscheiden. Dazu musste die Weinprobe als Teil eines offiziellen Kontrollverfahrens anerkannt werden, was in Frankreich erst im Zuge der europäischen Regelungen und auf Wunsch der deutschen Delegation erfolgte.
Neben Quellen aus dem Bereich der Verbände und Institutionen wie dem Nationalen Institut der Appellationen (INAO) oder der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) kommt auch die Revue du Vin de France zu Wort, die wiederum in vielerlei Hinsicht mit den Institutionen verbunden war. Die Stimme der Weinerzeuger selbst wird außerhalb ihrer Berufsverbände nicht berücksichtigt. Dass damit wichtige Entwicklungen wie der Aufschwung der Gutsabfüllung oder des biologischen Anbaus kaum Erwähnung finden, liegt an der selbst gewählten Beschränkung des Themas.
Die Publikation besticht durch ihren Detailreichtum, die zahlreichen Quellenangaben und das umfangreiche Literaturverzeichnis. Sie bildet den Auftakt einer Weingeschichte des 20. Jahrhunderts aus einer europäischen Perspektive und eine wertvolle und unverzichtbare Grundlage für weitere Forschungen. Olivier Jacquet ist promovierter Historiker und Leiter des UNESCO-Lehrstuhls „Kultur und Tradition des Weinbaus und des Weins“ an der Université de Bourgogne in Dijon.
Karoline Knoth, Meursault
Cheung Caroline: Dolia: the containers that made Rome an empire of wine. Princeton: Princeton University Press, 2024. 344 Seiten; ISBN: 9780691243009. Preise ohne Gewähr: 55 Dollar als e-book, ca. 39 Dollar als gebundenes Buch.

Die Geschichte Roms steht für Kriege, Herrscher, Gladiatorenkämpfe und Eroberungen. Meist geschrieben aus der Sicht der Alphatiere, weniger aus der des gemeinen Volkes, nicht neu für die Mitglieder der Gesellschaft der Geschichte des Weines. Anders das neue Buch von Caroline Cheung. Rom wird nicht als politisch-wirtschaftliches Weltreich definiert, sondern als Imperium des Weines, befördert durch Dolia (Einzahl Dolium). Das sind die großen, dickbauchigen, ei- oder erdbeerförmigen, in der Erde eingelassenen Gär- und Lagerbehälter mit weiter Öffnung. Sie sind bei uns weniger bekannt und waren auch weniger verbreitet als die wie Sand am Meer vorkommenden Amphoren, die als Transportbehälter wesentlich kleiner sein mussten und zur besseren Lagerung unten spitz zuliefen. Sie finden sich nicht zuletzt in Hunderten untergegangener Handelsschiffe an den Küsten des Mittelmeeres, neben nur wenigen Wracks mit Dolia.
Natürlich ist über den römischen Weinbau, die Kellerwirtschaft und das römische Trinkverhalten bereits viel geschrieben worden. Wir wissen gut Bescheid über die römische Kellertechnik, die in Großbetrieben mit Pressen oder Konzentratanlagen industriellen Charakter aufwies. Was eher nicht im Fokus stand, waren diese Dolia. Deren Bedeutung liegt im wahrsten Sinne des Wortes vergraben, und ruhende technische Objekte neigen dazu, unter dem Radar der Aufmerksamkeit zu fliegen. Wer schreibt das erste Buch über die Geschichte der Schläuche und Leitungen, heute mindestens genauso wichtig wie Tanks? Dolia ließen sich nicht nur zum Aufbewahren, sondern auch zur Gärung nutzen und waren damit ein verfahrenstechnisches Gerät der Kellerwirtschaft. Unten kann sich Trub konzentriert sammeln, eingegraben in der Erde sind sie äußerst stabil und halten die Temperatur halbwegs konstant.
Zum Glück hatten bereits vor rund 20.000 Jahren nicht namentlich bekannte Genies in China begonnen, aus Ton Gefäße zu brennen. Die ersten Keramik-Technologen für die Herstellung von Wein waren ab 6.000 vor unserer Zeitrechnung die Georgier mit ihren Qvevries, die in Aussehen und Herstellung sehr stark den römischen Dolia ähneln. Später sieht man auf ägyptischen Wandbildern ähnliche Gefäße, die Griechen kannten solche Behälter natürlich auch und nannten sie Pithoi. Insgesamt gehören Erfindung und Nutzung von Keramikgefäßen zu den wichtigsten Erfindungen der Steinzeit; eine Erfindung, die es schließlich ermöglichte, eine wachsende Bevölkerung in großen urbanen Zentren mit jeder Art von Lebensmitteln zu versorgen. Festzuhalten ist, dass die Keramikbehälter eindeutig keine römische Erfindung sind, die Römer aber alles in eine größere, industrielle Dimension transformierten.
Keramik in all seinen Schattierungen spielt bis in die Gegenwart eine nicht unwesentliche Rolle. Das, obwohl Kelten um die Zeitenwende den Siegeszug des Holzes einläuteten, zunächst im Norden, in den folgenden Jahrhunderten nach und nach überall. Im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. wurden Dolia auch in Rom allmählich durch Holzfässer ersetzt, die waren kostengünstiger zu beschaffen im Handling wesentlich praktischer. Die Verwendung von Keramikbehältern hält trotzdem bis heute an, trotz der Erfindung von Edelstahltanks nach dem 2. Weltkrieg. Man mag es als eine Ironie der Geschichte sehen, aber in nicht wenigen Weinbaubetrieben stehen große Holzfässer, Keramikbehälter und Edelstahltanks heute friedlich nebeneinander. Dabei sind Gefäße aus Keramik oder Holz, speziell die Barriques, oft mehr als nur Lagerbehälter. Wer als Winzer den Kachetischen Stil nachahmt, die traditionelle georgische Technik und immerhin Weltkulturerbe, kann auf höchstem Niveau „Story Telling“ betreiben. Er nennt seine Weine dann wegen ihrer Farbe Orange Wines oder Naturwein. Die Sommeliers danken.
Caroline Cheung bewegt sich sehr konsequent innerhalb des Buchtitels und spricht Fachleute, aber ebenso interessierte Laien an. Das Buch verbindet Archäologie, Önologie, Historie und Kultur, eigentlich ideal für die GGW. Das Thema ist, einschränkend, allein Rom und dessen Containern gewidmet, der Rest der Welt und die Bedeutung von Keramik insgesamt werden weniger ins Auge gefasst. Wer Hammer ist, sieht die Welt als Nagel. Dafür deckt das Buch das römische Imperium und vor allem die Vielfalt der Behälter umfassend ab. Cheung sieht die Weinbehälter als die Superstars der gigantischen römischen Lager- und Infrastruktur für Lebensmittel. Eine rettungslos überbevölkerte Stadt mit bis zu einer Million Einwohnern zu versorgen, war alles andere als trivial. Letztlich war dazu unter anderem eine regelrechte Industrie zur Herstellung der Dolia entstanden. Allein in Mittelitalien ließen sich im 1. Jahrhundert n. Chr. 20 Produktionsstätten identifizieren. Sie produzierten Dolia für rund 100 Kellereien in dieser Region, die sich die großen Behälter mit hohen Anschaffungspreisen leisteten. Aber überall, wo es Römer und Wein gab, Spanien, Frankreich, Nordafrika, waren Dolia in unterschiedlichen Größen zu finden.
Der Schwerpunkt des Buches liegt auf Wein und noch etwas auf Olivenöl als Inhalt. Weizen oder Garum, das Maggi der Antike, werden ausgeklammert. Die unterschiedlichen Formen (rundlich, klein, groß, dünn, dick usw.), die Herstellung, die häufig notwendige, aufwendige Reparatur sind ihr Thema. Besonders die Reparatur war angesichts von deren hohen Anschaffungskosten immer erste Wahl. Dazu beschreibt sie regionale Unterschiede oder die Evolution der Dolia im Laufe der Zeit. All das wird in neun Kapiteln auf 210 Textseiten mit 75 Bildern und Grafiken anschaulich und ausführlich dargestellt. Ein Anhang von rund 130 Seiten mit großem Literaturverzeichnis und weiteren Erläuterungen zeigt die Tiefe, mit dem das Thema angegangen wird.
Dolia waren die größten Behälter ihrer Zeit, oft mit 1.000, aber auch bis 3.000 Liter Inhalt in Kellereien, deutlich kleinere in Gaststuben oder Landgütern. Vorausgegangen waren die griechischen Pithoi (Einzahl: Pithos), auch bis einige Hundert Liter fassend, unterschieden die sich von den Dolia in ihrer Form, sie waren eher für oberirdische Lagerung gedacht und nicht selten verziert. Kleinere Exemplare wurden sogar als Urnen nach einer Kremierung verwendet. Diesen, samt den georgischen Qvevries, liegt die gleiche anspruchsvolle Herstellung mit viel Spezialwissen zugrunde. Schichtweiser Aufbau mit speziellem, möglichst mineralreichem Ton, oft das Geheimnis des Produzenten, nur wenige Zentimeter täglich in die Höhe wachsend, dann einige Tage Lufttrocknen, bevor bei über 1.000 Grad Celsius mehrere Tage gebrannt wurde. Nach dem Auskühlen waren die Behälter transportbereit. Ausgekleidet wurden sie in der Antike mit einer dünnen Schicht Holzteer, die ein rauchiges Aroma ergibt und noch einen gewissen Gasaustausch erlaubt. Die heutigen Qvevries sind mit Bienenwachs ausgekleidet und sind so in der Lage, mit einer Art Mikrooxigenation (ein dosiertes Zuführen von reinem Sauerstoff zum Most oder jungen Wein) die Reife des Weines zu unterstützen. In den Kellereien wurden die Dolia in der Erde eingegraben, bis nur noch der obere Wulst herausschaute. Sie konnten mit Deckeln weitgehend luftdicht verschlossen werden. In Großbetrieben mit Dutzenden dieser Behälter betrugen die Abstände zwischen den Dolia oft nur wenige Zentimeter.
Die Weinherstellung mit und in diesen Behältern konnte auf unterschiedlichen Wegen erfolgen: Als reine Mostgärung, als Maischegärung mit weißen oder roten Trauben, abgebeert oder mit ganzen Trauben, evtl. noch mit Erwärmung (Kühlung war in römischer Zeit schwieriger), Lagerung nur kurz oder über Monate in den Dolia. Schwefelung gab es keine, die Gärung selbst war eine Spontangärung. Dadurch ergab sich für die antiken, aber auch für die heutigen Kellermeister, ein breites Spektrum an unterschiedlichen Weinen, je nach Philosophie des Unternehmens. Abgezogen wurde von oben, der Trester bzw. Weintrub konzentrierte sich unten. In die größeren Dolia (oder Qvevries), ab etwa 800 bis 1.000 Liter, konnten Arbeitssklaven einsteigen und reinigen. In Georgien wird der Weinrückstand heute zu einem sehr beliebten Tresterschnaps, vergleichbar Grappa, veredelt. Aufgrund hoher Gerbstoffgehalte konnten die Weine längere Zeit gelagert werden. Der römische Weingeschmack war zumindest bei den Alphatieren auf reife Weine geeicht, die aber bei größerem Bedarf durch Erhitzung einer Schnellreifung unterzogen werden konnten.
Cheung liefert in ihrem Buch eine Fülle von Spezialwissen, das der Laie interessiert zur Kenntnis nimmt, aber letztlich nicht wirklich kritisch begleiten kann. Er ist beeindruckt von den vielen Zahlen, Daten und Fakten. Eine fachkundige Rezension von Dimitri Van Limbergen von der Universität Verona vermisst allerdings einen interpretativen Mehrwert und einen mehr übergreifenden Ansatz. Wer sich mit dem antiken Rom, seiner Weinkultur und der Technologie beschäftigen will, wird nicht zuletzt aufgrund der anschaulichen Grafiken und Fotos viel Genuss bei der Lektüre finden.
Jochen Hamatschek, Landau
Kessler, Marzena/Tyrell, Marcel: Der Karthäuserhof in Eitelsbach. Die Geschichte eines Weinguts. Verlag für Geschichte & Kultur, Trier, 1. Auflage 2024, 168 Seiten. ISBN: 978-3-945768-39-6. 49,00 Euro.
Die Ruwer ist ein Nebenfluss der Mosel, dessen Steillagen im Unterlauf überwiegend mit Rieslingreben bestockt sind. Die geschichtlichen Wurzeln des Weinbaus in diesem Seitental der Mosel sind bereits in einer Urkunde des 8. Jahrhunderts fassbar. Nicht ganz so weit zurück geht die Geschichte des Karthäuserhofs, über die ein Buch berichtet, das jüngst im Trierer Verlag für Geschichte & Kultur erschienen ist. Die mit zahlreichen Abbildungen und aufschlussreichem historischen Kartenmaterial versehene Schrift umfasst 167 Seiten. In zehn Kapiteln wird die Historie des Weingutes aufgeblättert, die über weite Strecken eine Erfolgsgeschichte ist, aber auch ihre dunklen Seiten hat. Das sind die Wirrungen der 1920er bis 1940er Jahre, womit hauptsächlich die Auseinandersetzung um den Vertrieb leicht gezuckerter Weine des Jahrgangs 1922 außerhalb der Weinversteigerungen gemeint ist und vor allem die Mitte der 1980er Jahre strafrechtlich verfolgte Weinfälschung durch Nachverbesserung fertiger Weine mittels Zusatz von Saccharose. Personelle Konsequenzen blieben nicht aus. Im vorletzten Kapitel lässt sich studieren, welche Effekte die unter der Regie von Christoph Tyrell (Winzer des Jahres 1997 und 2005) begonnene Neuausrichtung des Weingutes hat, welches Potential in den Böden steckt, die jetzt biodynamisch bearbeitet werden und wie groß die wiedergewonnene Anerkennung der Fachwelt ist. 2012 übernahm Albert Behler. Das Weingut Karthäuserhof ist Mitglied im VDP.
Die Anfänge des Klostergutes lassen sich bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurückverfolgen. Eine auf den 29. August 1335 datierende Schenkung des Trierer Kurfürsten und Erzbischofs Balduin von Luxemburg, mit der der Hof Ysilspach (Eitelsbach) samt seinen Weingärten den in Trier ansässigen Kartäusern übereignet wird, legt den Grundstein für das noch heute existierende renommierte Weingut und seine Monopollage Karthäuserhofberg. Es beginnt eine lange Geschichte der klugen Zukäufe und Tauschgeschäfte. Bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts ist der dauerhafte Fortbestand des Guts als eine zusammenhängende Einzellage garantiert. Im Zuge der französischen Revolution verliert der Kartäuserorden seinen Besitz. Die Ferme dite Karthäuserhof, wie es in einer Liegenschaftskarte von 1813 heißt, wird zunächst von der Domänenverwaltung verpachtet und schließlich 1811 versteigert. Der Trierer Kaufmann und Immobilienhändler Valentin Leonardy erhält den Zuschlag. Er wechselt die Profession und „entwickelt sich mit großem persönlichen Engagement zu einem wahren Winzer“. In der langen Reihe von Repräsentanten der Eigentümerfamilien ist er bei weitem nicht der Einzige, der fachfremd startet. Die Geschäfte liefen, begünstigt durch die Zollpolitik der neuen, preußischen Landesherren, anfänglich so gut, dass das Weingut bereits 1822 als abbezahlt verbucht werden konnte. Der Grundbesitz wurde im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts, wie eine Sammlung von 84 Kaufverträgen im Hausarchiv des Hofs dokumentiert, trotz der nicht mehr ganz so günstigen Rahmenbedingungen kontinuierlich erweitert. In den 1860er Jahren befindet sich das Weingut unter der Führung von Karl Wilhelm Rautenstrauch (1828 – 1896), der seine Weine auf den Weltausstellungen in London (1862) und Wien (1873) präsentiert, „auf dem Weg zu Weltruhm“. Die Abkehr vom „gemischten Satz“ und der durch günstige klimatische Bedingungen geförderte Umstieg auf reinen Rieslinganbau ab der Mitte des Jahrhunderts waren Treiber dieser Entwicklung. Die erste Auslese wird bereits 1865 erzeugt. Der kommerzielle Erfolg bleibt nicht aus: 1882 erzielt das Weingut für ein Fuder Riesling Auslese aus der Lage Kronenberg 3000 Mark, was in etwa der Kaufkraft von 23.000 Euro entspricht. Ab Mitte der 1920er Jahre gelingt den Erzeugern die Vermarktung der eigenen Weine in Flaschen. Auf dem Karthäuserhof werden 1934 im Direktvertrieb mehrere Hundert Flaschen an Privatkunden verkauft. „Der Übergang zum modernen Weinhandel war damit vollzogen“. Das Etikett mit der rebenumkränzten Meerkatze im Abtswappen der Kartäuser, welches bereits die älteste, noch erhaltene Flasche (mit Wein des Jahrgangs 1893) ziert, verdient allerdings besondere Beachtung: Die traditionelle Halsschleife der Weine vom Karthäuserhof hat den gleichen besonderen Blauton, der seit 1839 den Markenauftritt des Eau de Cologne 4711 begleitet.
Die vorliegende, detailreiche und flüssig geschriebene Geschichte des Weingutes Karthäuserhof ist von Marzena Kessler und dem als Winzer ausgebildeten, heute in der universitären Forschung und Lehre tätigen Wirtschaftswissenschaftler Marcel Tyrell verfasst. Marzena Kessler, die zuvor das auch für die allgemeine Geschichte des Weinbaus im Ruwertal und der Vermarktung seiner Gewächse ergiebige Hausarchiv des Karthäuserhofs gesichtet und geordnet hat, ist Bauhistorikerin. Auch solche Leser, die bisher eine detaillierte Beschreibung und Einordnung der im Original erhaltenen, historischen Ausstattung des Gutshauses und des auch im Übrigen bedeutenden, denkmalwerten Baubestandes vermisst haben, kommen auf ihre Kosten. Ein Quellen- und Literaturverzeichnis rundet den reich illustrierten und sorgfältig lektorierten Band ab.
Peter Schuh, Trier
Daniel Deckers/Josef Matzerath: Das Deutsche Küchen- und Weinwunder – Gourmandise in Deutschland, 1970–2025. Transcript-Verlag Bielefeld 2025. 378 Seiten, Print (kartoniert) ISBN 978-3-8376-7749-2. 39,00 Euro; E-Book (PDF) ISBN 978-3-8394-0509-3. 39,00 Euro.

Exquisite Küche und Wein sind in Deutschland erst seit den 1970er Jahren ein kulturelles Thema – dem Gastronomiekritiker Wolfram Siebeck erschien es z. B. wie ein Wunder, dass hierzulande Restaurants entstanden, deren Chefs sich an Frankreichs Spitzenküche orientierten. Auch beim Wein war Frankreich spitze, während Deutschland viel aufzuholen hatte. Heutzutage genießt Wein aus deutschen Anbaugebieten weltweit hohes Ansehen. Josef Matzerath und Daniel Deckers rekonstruieren die Geschichte der kulinarischen Trends in der exquisiten Küche sowie die Entstehung bzw. Entwicklung der Gastronomiekritik und die Erfolgsgeschichte des deutschen Spitzenweins der letzten fünf Jahrzehnte. Dabei verstehen sie sich als Historiografen der Geschichte einer kulinarischen Ästhetik, die das Land bis heute prägt. Die Parallelität der Entwicklungen ist beeindruckend, und die nicht mehr ganz jungen Leserinnen und Leser werden sich beim Lesen an eigene Erlebnisse aus den 1980/90er Jahren erinnern, als kulinarische, teils hedonistische Vermählungen neuer deutscher Spitzenküche und -weine zelebriert wurden. Daniel Deckers versteht seine Darstellung nicht als umfassende historische Erfassung aller Beteiligten, sondern als ein Narrativ eines Prozesses, bei dem er sehr oft den Traubenadler erwähnt, wohlwissend, dass es auch andere beeindruckende Zugvögel am Himmel der Genießer gab und gibt, die dem Küchen- und Weinwunder immer wieder neuen Erzählstoff bescheren.
Die Redaktion
Konsortium Südtirolwein (Hg.): Wein in Südtirol – Geschichte und Gegenwart eines besonderen Weinlandes. Athesia Buch GmbH, Bozen. 520 Seiten; ISBN: 978-88-6839-696-1. 55,00 Euro. Erscheinungsdatum: 13.03.2024. 
Wer eine Buchrezension schreibt, sollte eine kritische Distanz wahren können. Ich gebe zu, es fällt mir in diesem Fall schwer. Warum? Als junger Generalsekretär war ich sehr häufig in Südtirol, weil wir – die Vertreter deutschsprachiger europäischer Weinbaugebiete – uns regelmäßig in Bozen trafen, um die europäische Weinbaupolitik zu beraten. Nach den intensiven Sitzungen diese einzigartige Weinbauregion erleben zu dürfen, war einfach wunderbar. Warum noch? Die Begeisterung über die Haptik, die Graphik, das Virtuelle dieses Buches. Sie, die potenziellen Leser können es noch nicht nachempfinden, aber wenn Sie die wunderbaren, großformatigen Fotos in diesem Buch gesehen haben, dann wissen Sie, was ich meine. Warum so begeistert? Weil ich zu der Generation Buchliebhaber gehöre und weil ich deshalb ein wenig neidisch werde, dass wir in Deutschland seit vielen Jahren kein derartiges Buch über unsere Weinkultur mehr zustande gebracht haben; während vor wenigen Jahren Österreich es fertiggebracht hat und nun auch Südtirol.
Schauen wir in das Inhaltsverzeichnis: Wir finden fünf große Abschnitte: Erstens das Thema Raum und Natur: Kleines Land, vielfältige Lagen. Zweitens Weinbau im Wandel der Zeit: Lernen und Erfahrung sammeln – 2.500 Jahre lang. Drittens Produktion und Konsumation: Der lange Weg von der Rebe ins Glas. Viertens Der Wein in Kunst, Kultur und Gesellschaft: Mensch und Wein. Fünftens Forschung, Beratung, Verbände: Hier lebt man Wein. Bereits diese Überschriften machen neugierig. Obwohl mich alle Abschnitte ansprechen, schaue ich – mit der Perspektive unserer Gesellschaft – als erstes auf den zweiten Abschnitt: Weinbau im Wandel der Zeit. Ich gehe eine Wette ein, dass unser GGW-Präsident Andreas Otto Weber aufgrund seiner wissenschaftlichen Studienthemen als erstes das Kapitel „Guter Wein aus dem Süden – Weingüter süddeutscher Klöster“ von Josef Nössing lesen wird. Wollen Sie wissen, worauf ich mich stürze? In diesem Abschnitt finden sich drei Beiträge von Helmuth Scartezzini: Spuren aus fast zwei Jahrtausenden – Von den Römern bis ins 18. Jahrhundert; Aufstehen, Krone richten, weitermachen – das für den Weinbau turbulente 19. Jahrhundert; Ein waschechter Bozner – Der St. Magdalener; Ein Weißer im Rotweinland – der Terlaner; Hochalpin bis mediterran – Die Weinbaugebiete Südtirols (gemeinsam mit Monika Unterthurner). Helmut Scartezzini war damals bei unseren weinbaupolitischen Besprechungen als Vertreter Südtirols dabei. Ich hatte seit vielen Jahren nichts mehr von ihm gehört. Ganz im Gegensatz zu Ivo Maran, unserem GGW-Beiratsmitglied, der ebenfalls an mehreren Beiträgen des Buches beteiligt ist: Deutsch? Italienisch? Oder doch ein bisschen von beiden? Einflüsse auf Weinbau und Önologie in einer Grenzregion; außerdem: Vom Massenprodukt zum Charakterwein (Coautor Stefan Morandell); zudem: Erst ausschenken, dann zahlen – der Weinhandel auf den Jakobipreis (mit dem gleichen Coautor); Wie schmeckt der Fortschritt – Erste Weinverkostungen im 19. Jahrhundert (mit dem gleichen Coautor).
Für mich ist das Buch eine Reise in die Vergangenheit, verbunden mit wunderbaren Erinnerungen, aber auch in die Zukunft, denn es macht Lust, den nächsten Südtirol-besuch zu planen. Zum Beispiel nach Mölten in die höchstgelegene Sektkellerei, Josef Reiterer, ein Pionier der handwerklichen Spitzensekte gibt mit seinem Beitrag prickelnde Besonderheit – die Sektproduktion in Südtirol einen Anstoß für dieses Reiseziel. Wein und Sekt, das ist keine rationale, sondern eine hochemotionale Weinkulturgeschichte. Südtirol und dieses Buch sind bestens geeignet, sich diesem Erlebnis hinzugeben. Dabei darf nicht übersehen werden, dass die Autoren auch kritisch die eigene Geschichte analysieren, Tacheles reden bzw. schreiben. So zum Beispiel, wenn Eduard Bernhart von Krisen, Kriege und ein Paradigmenwechsel – Die Weinwirtschaft von 1900 bis heute oder von den Sturen, Querdenkern und Pionieren im biologischen und biodynamischen Anbau schreibt. Die Autoren beherrschen die Kunst, die Leser mitzunehmen, kritisch und emotional, zu letzterem tragen die Fotos aus heutigen und vergangenen Zeiten bei. Man mag es mir nachsehen, dass ich mit besonders großem Interesse im 5. Abschnitt „Hier lebt man Wein – Forschung, Beratung, Verbände“ gestöbert habe und nochmals voller Bewunderung nachgelesen habe, wie die Branche zusammengestanden ist, um das Weinbaugebiet qualitativ nach oben zu führen. Ich kann nicht alle 42 Autoren würdigen, aber zwei Namen müssen doch noch oder nochmals erwähnt werden: Eduard Bernhart, der als Direktor des Weinkonsortiums die Gesamtverantwortung übernommen hatte sowie Christian Rainer, der es als Koordinator fertiggebracht hat, diese große Autorenschaft zu motivieren und zur rechtzeitigen Abgabe ihrer Manuskripte anzuhalten. Einen Sack Flöhe zu hüten, soll eine vergleichsweise einfache Aufgabe sein. Insgesamt ist auf 520 Seiten ein vielfältiges Spektrum des Weinbaugebiets Südtirol entstanden. Anders gewendet – egal, welche Brille man aufhat, für jeden Begeisterten vom Südtiroler Wein und Sekt ist dieses Buch sehr empfehlenswert.
Rudolf Nickenig, Remagen

