2026: Ein Glas voller Zeit

Ilija Trojanow: Ein Glas voller Zeit. Residenz Verlag, Wien. 146 Seiten. ISBN 978-3-7017-3462-7. 18,00 Euro. 

Es ist ein nicht alltägliches Weinbuch. Zuerst eine Nachricht zum Verkauf eines Weingutes, das sich an der Mosel mit Wein aus steilen Lagen einen sehr guten Ruf erwarb und damit auch dem Gebiet viel Reputation bescherte: Heymann-Löwenstein in Winningen konnte noch im alten Jahr mangels Nachfolge in der Familie den 1980 gegründeten Betrieb mit 14 Hektar Rebfläche an einen Weinhändler aus Backnang und dessen Partner verkaufen. Durchaus denkbar, dass Reinhard Löwenstein nochmal selbst in die Tasten greift wie bei seinem 2009 erschienenen, heiß diskutierten Buch „Terroir – Weinkultur und Genuss“. Aber jetzt schon konnte er einen renommierten, vielfach ausgezeichneten, international aktiven Autor zu einem sehr speziellen Buch mit viel Poesie und auch Unterhaltungswert anregen: Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren, konnte im Kindesalter Asyl in Deutschland finden, studierte verschiedene Fächer in München, gründete selbst einen Verlag, lebte dann in Bombay und Kapstadt und pendelt heute zwischen Wien und Stuttgart. 

Reinhard Löwenstein lernte er bei einer Weinprobe kennen, die in eine Freundschaft mündete. Und so entstand die Idee, den Weltenbummler auf Wein loszulassen. Entstanden ist alles andere als das Portrait eines Weingutes oder Winzers. Er befasst sich wortreich mit Wein an sich, seinen unterschiedlichen Facetten, seiner Entstehung, seiner Bedeutung in der Geschichte und den Unterschieden des Terroirs und dessen Einfluss auf den Wein. Er macht einen Abstecher nach Georgien und lobt die dort wiederentdeckten Amphoren für den Ausbau (einen Tick zu euphorisch, weil da auch eher gruselige Weine gefüllt werden). 

Einblicke in die Natur werden gegeben, den Umweltschutz, seine Vernachlässigung auch im Weinbau dargestellt. Interessant ist eine Abrechnung mit dem Vater der Biodynamie, Rudolf Steiner. Den bezeichnet er mehr oder weniger als Scharlatan. Positiv geht er auf das Geschmacksempfinden der Weinfreunde ein, mit viel Phantasie und glänzenden Formulierungen. Das Buch, in dem Heymann-Löwenstein sehr wenig vorkommt, ist glänzend geschrieben, vieles zum Wein neu gedacht und so mitreißend dargestellt, dass man es erst nach einigen Stunden gelesen auf die Seite legt. Am Ende wird beschlossen dem Wahlspruch des Autors „Trinken sollte man nicht allein“ zu folgen.

Rudolf Knoll, Schwandorf