Joseph GÜMBEL, Weingroßhändler
* 21.7.1877 in Bingen
† 4.12.1925 in Bingen
Vater: Elias (Eduard) Gümbel, Weingroßhändler (*17.6.1840 in Albisheim, † 18.2.1902 in Bingen)
Mutter: Bertha Wilhelmine, geborene Hertz (*24.8.1853 in Walburg, † 18.4.1932 in Bingen)
⚭ Elisabeth, geborene Gausche, geschiedene Hilsdorf (1875 – 1944), 3 Söhne, 1 Tochter
Joseph Gümbel übernahm nach dem Tod seines Vaters Elias zusammen mit seinem Bruder Gustav den väterlichen Anteil an der Weingroßhandlung Feist & Reinach, Bingen. Elias Gümbel hatte diesen Anteil von Kommerzienrat Reinach übernommen, der nach seinem Ausscheiden in Mainz andere Geschäfts-
aktivitäten verfolgte.
Feist & Reinach zählte nach dem Ersten Weltkrieg, wie auch die Weinhandlung Seligmann Simon (später Nathan Fromm), zu den größten Weinhandlungen in Bingen. J. G. (sein Bruder Gustav war 1920 ausgeschieden) und Mitgesellschafter Dr. Paul Feist bauten Feist & Reinach energisch aus und errichteten in der Martinstraße eine der größten Binger Kellereien. Feist & Reinach übernahm zudem die Weinhandlung Bronner & Heuss Nachf. in Wiesloch.
Auch die renommierte Weinkellerei der Witwe von Joseph Augstein, dem Großvater des Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein, wurde übernommen. Die bereits große Weinkellerei mit Fasskellern von insgesamt 200 m wurde 1921 durch ein neues Gebäude ersetzt, das von den bekannten Darmstädter Architekten Markwort und Seibert geplant wurde. Um dieselbe Zeit entwarfen diese Architekten ein ähnlich imposantes Gebäude für Bronner & Heuss Nachf.
J. G. war als einer der besten Kenner der in- und ausländischen Weinmärkte bekannt und wurde zu den führenden deutschen Weinfachleuten gezählt. Er engagierte sich als Vorsitzender des bedeutenden Weinhändlerverbandes in Bingen für die gesamte deutsche Weinwirtschaft, indem er die Zusammenarbeit mit den Weinerzeugern pflegte. Er war zutiefst überzeugt, dass Weinbau und Weinhandel eng zusammenarbeiten müssen, um gegenüber den ausländischen Konkurrenten gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise bestehen zu können.
Sein Sachverstand wurde auch in der Politik sehr geschätzt, deshalb wurde er von der Reichsregierung als Sachverständiger in ein kleines Beratungsgremium für die Handelsvertragsberatungen des Deutschen Reiches mit Frankreich berufen. Bei Fraktionsberatungen des Reichstages in Berlin setzte er sich insbesondere ein für die Beseitigung der Wein- und Getränkesteuern, für die Reblausbekämpfung und die Rekonstruktion der Weinberge mit resistenten amerikanischen Unterlagsreben.
J. G. bildete als geschätzter Weinexperte, wie schon sein Vater, zahlreiche später bekannte Weinfachleute aus. Hierzu gehörten unter anderem Max und Alfred Fromm sowie Otto E. Meyer, die nach ihrer Emigration in die USA dort führende Rollen im Wiederaufbau des Weingeschäfts nach der Prohibition spielten.
Quellen:
- Dr. Karl Müller (Herausgeber) Weinbau Lexikon, Verlagsbuchhandlung Paul Parey Berlin, 1930, S. 310 und S. 946 – 947.
- Anonym: Zu den Handelsvertragsverhandlungen. In: DWZ 1924, S. 847
- Müller: Nachruf Josef Gümbel. In: Der Deutsche Weinbau 1925, S. 568.
- Anonym: Firmen- und Personalnachrichten. DWZ 1925, S. 798.
- Festschrift Feist & Reinach 1913.
- Peter Merseburger Rudolf Augstein, Biographie, Deutsche Verlags-Anstalt München, 2007, ISBN: 978-3-421-05852-2.
- Hans-Josef von Eyss, Geschichte der Juden in Bingen von den Anfängen bis 1914, 3. Auflage 2021, Arbeitskreis jüdisches Bingen, ISBN: 978-3-935516-89-1.
- Hans-Josef von Eyss, Geschichte der Juden in Bingen-Teil II- die Zwanziger Jahre (1914 – 1933), 1. Auflage 2023, Arbeitskreis jüdisches Bingen, ISBN: 978-3-9454676-80-6.
Helmuth Gümbel, Mai 2026
Leopold REITZ, Lehrer, Schriftsteller
* 24.06.1889 in Böbingen/Pfalz
† 19.08.1972 in Neustadt a.d.W.
Wichtige biographische Daten:
- Sohn einer Winzerfamilie; verheiratet seit 1917, Sohn und Tochter
- Lehrer seit 1907; ab 1.7.1921 in Neustadt an der Haardt (später Neustadt an der Weinstraße), dort Hauptlehrer
- Vorsitzender des Literarischen Vereins der Pfalz von 1929 – 1933
- Entnazifizierung I 1946; Entlassung aus dem Schuldienst; Entnazifizierung II 1949; Einstufung als Mitläufer; Rückkehr in den Schuldienst
- Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 24.06.1959 (zum 70. Geburtstag)
- Weitere Ehrungen: Pfalzpreis für Literatur (1963); Goldene Bürgermedaille der Stadt Neustadt an der Weinstraße (1966); Deutscher Weinkulturpreis mit der Goldenen Traube (1969)
Leopold Reitz machte sich als Heimatdichter einen Namen und wurde zu einer lokalen literarischen Größe als gefeierter Redner und Weininterpret. Er schrieb zahlreiche heimatkundliche Werke, Festspiele zum Deutschen Weinlesefest in Neustadt a.d.W. und Hörfolgen zum Thema Wein für den Rundfunk. Dazu Dutzende Artikel in Zeitungen oder literarischen Zeitschriften. Praktisch alle spielten in seiner näheren und weiteren Heimat und beschäftigten sich viel mit Wein und lokalen Ereignissen.
R. durchlebte vier völlig unterschiedliche politische Systeme. Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich und die parlamentarische Demokratie nach dem 2. Weltkrieg. Er machte im 3. Reich Karriere. In der SA seit 1934 brachte er es zum Truppführer. NSDAP-Mitglied wurde er 1937, als die SA-Männer „aufgefordert“ wurden, in die Partei einzutreten. Dazu war er Ortsgruppenleiter im „Kampfbund für deutsche Kultur in der Westmark“ und ab April 1943 Städtischer Kulturreferent von Neustadt als „Ehrenbeamter“.
Seine Entnazifizierung endete nach Widerspruch 1949 mit der Einstufung als Mitläufer. 1954 war er Mitbegründer der Weinbruderschaft der Pfalz, ihr Ordensmeister bis 1972. Nach dem Krieg wurden von ihm mehr als 75 Texte in verschiedenen Zeitschriften bekannt, vielfach mit Wein als Thema.
Veröffentlichungen/Bücher:
- Der Weinpfarrer von Wachenheim, 1938. − Das Weinstraßenbuch, 1960. − Pfälzische Weinkantate, 1955. − Deutsche Weinkantate, 1957. „Geschichten vom Kindelsbrunnen“, der „Schelm Schinderhannes“ oder „Der Jäger aus Kurpfalz“
Literatur:
- Haß, Ulrike: Vom „Aufstand der Landschaft gegen Berlin“. In: Weyergraf, Bernhard: Literatur der Weimarer Republik 1918 – 1933. München 1995. Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Bd. 8. S. 340 – 370.
- Ketelsen, Uwe-Karsten: Völkisch-nationale und nationalsozialistische Literatur in Deutschland 1890 – 1945. Karl Otto Conrady zum 50. Geburtstag am 21. Februar 1976. Stuttgart 1976.
- O.A.: Umbenennungen. Leopold-Reitz-Weg. https://www.gedenkstaette-neustadt.de/umbenennung/leopold-reitz-weg. Aufgerufen am 06.05.2026.
- Raasch, Markus: Reitz, Leopold. https://neustadt-und-nationalsozialismus.uni-mainz.de/lexikon/reitz-leopold. Aufgerufen am 11.04.2026.
- Schumann, Fritz: Reitz, Leopold. In: Claus, Paul und Mitarbeiter (Hrsg.): Persönlichkeiten der Weinkultur Deutscher Sprache und Herkunft. Wiesbaden 1991. Schriften zur Weingeschichte Nr. 100.
Jochen Hamatschek, Landau, Mai 2026
Guido Maria GRAF von MATUSCHKA, Reichsfreiherr von Greiffenclau zu Vollrads, Freiherr von Toppolczan und Spaetgen, gen. Graf Matuschka-Greiffenclau, Jurist und Weingutsbesitzer.
* 7. Mai 1847 in Hirschberg, heute Jelenia Góra (Polen)
† 11. September 1924 in Heilbronn
Vater: Hugo* Julius Franz Gustav Arthur Graf von Matuschka-Greiffenclau, Matuschka Freiherr von Greiffenclau, Freiherr von Toppolczan und Spaetgen (1822 – 1898), Königlich-Preußischer Kammerherr, Schlosshauptmann in Wiesbaden.
Mutter: Johanna Ottilie Antonie Eleonore Sofie* Reichsfreiin von Greiffenclau-Vollrads (1824 – 1909)
⚭ 2. August 1892 mit Clara Freiin von Oppenheim-Ramersdorf (1870 – 1959)
Kinder:
Richard (1893 – 1975)
Karl (1895 – 1915), gefallen bei Krasnostaw, Polen
Liane (1896 – 1937) ⚭ 1923 mit Ludwig Freiherr von Flotow
Clara (1902 – 1993), ⚭ 1927 mit Paul Baron Kirsch-Puricelli, Dr. rer. pol., Montanunternehmer
Nachdem M. In den ersten Jahren Privatunterricht erhalten hatte, besuchte er zuerst das Pädagogium in Halle an der Saale und danach das Gymnasium in Koblenz, wo er 1866 die Reifeprüfung ablegte. Ab Herbst studierte er Rechtswissenschaften an den Universitäten Bonn und Berlin, was von einem einjährigen freiwilligen Militärdienst beim Königs-Husaren-Regiment unterbrochen wurde, 1869 wurde er Sekondeleutnant der Reserve.
Am 23.04.1870 legte er sein Referendarexamen ab und wurde am 14.05.1870 Gerichtsreferendar am Appellationsgericht Wiesbaden; daneben war er auch am Kreisgericht Wiesbaden tätig.
1870/71 nahm er als Leutnant d. R. des ersten Rheinischen Husarenregiments Nr. 7 am Frankreichfeldzug teil und wurde bei St. Quentin verwundet. 1877 legte er seine 2. Staatsprüfung ab und war in verschiedenen Verwaltungen in Kassel und Gelnhausen tätig. 1879 wurde er zum Landrat des Kreises Wiesbaden gewählt. 1894 wurde er Polizeidirektor von Aachen und ein Jahr später 1895 Polizeipräsident. Ende 1897 wurde er aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt und am 01.07.1898 in den Ruhestand verabschiedet.
M. wurde Fideikommissbesitzer des Gutes Vollrads, dessen Weingut er verwaltete und wo er seinen Lebensabend verbrachte. Durch das vorgezogene Erbe seiner Frau konnte Schloss Vollrads grundlegend renoviert und ausgebaut und der Weinbau des Gutes weiterentwickelt werden. […] mit unendlicher Liebe, Pietät und einem ausgeprägten Verständnis für alle ästhetischen und historischen Werte des Baues hat der feinsinnige Graf Matuschka-Greiffenklau unter tatkräftiger künstlerischer Unterstützung seiner vielseitig gebildeten Gattin aus den Trümmern alter Herrlichkeit einen höchst feudalen und würdigen Herrensitz erstehen lassen (Rheingauer Weinzeitung 1912, Seite 229 – 230). Er legte den Grundstein, dass Schloss Vollrads zu einem der bekanntesten Prädikatsweingüter Deutschlands wurde.
M. engagierte sich auch in vielfältiger Weise für den Berufsstand. So initiierte er 1903, insbesondere wegen der Reblausgefahr, eine „Vereinigung zur Bekämpfung aller Rebschädlinge“. Er war Mitglied der Kommission, die deutsche Beteiligung an Weltausstellungen (z. B. 1904 St. Louis) organisierte. Auf der Weltausstellung 1910 in Brüssel erhielt sein Weingut einen „Grand Prix“. Über mehrere Jahre vertrat er den Rheingauer Weinbau bei Sitzungen und Versammlungen des Deutschen Weinbauvereins, dessen Vizepräsident er von 1907 – 1911 war. 1909 war er Gründungsmitglied des Rheingauer Weinbauvereins und wurde zum 2. Vorsitzenden gewählt. Regelmäßig nahm er an Deutschen Weinbaukongressen teil, zuletzt 1924 in Heilbronn, wo er am ersten Kongresstag verstarb.
Ehrungen
Zahlreiche Orden und Ehrungen darunter:
- Großkomtur ad hon. des bayerischen St. Georg-Ordens
- Königlich-Preußischer Kronorden II. Klasse
- Eisernes Kreuz
- Kriegsmedaille 1870/71
- Ehrenmitglied des Deutschen Weinbauverbandes
Quellen:
- Horst Romeyk: Die leitenden staatlichen und kommunalen Verwaltungsbeamten der Rheinprovinz 1816 – 1945 (= Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde. Band 69). Droste, Düsseldorf 1994, ISBN 3-7700-7585-4, S. 623.
- Kösener Korpslisten 1910, 19, 457.
- Matuschka Freiherr von Greiffenclau, Freiherr von Toppolczan und Spaetgen, Rudolf Matthias Gustav Julius Maria Guido Graf von. Hessische Biografie. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). In: https://lagis.hessen.de/de/personen/hessische-biografie/alle-eintraege/4797_matuschka-freiherr-von-greiffenclau-freiherr-von-toppolczan-und-spaetgen-rudolf-matthias-gustav-julius-maria-guido-graf-von. Letztmals aufgerufen am 21.04.2026
- Baumann, K.-H., Schloss Vollrads. Persönliche Mitteilungen.
- Rheingauer Weinzeitung, Jahrgänge 1903 – 1924.
- Berichte über Deutsche Weinbaukongresse in den Jahren 1907 – 1924.
- Mitteilungen des Deutschen Weinbau-Vereins 1907.
Dr. Ernst Rühl, Geisenheim und Dr. Rudolf Nickenig, Remagen, April 2026
Heinz (Heinrich Egidius) HASELIER – Weinauktionator und Verbandsgeschäftsführer
* 01.08.1909 in Mönchengladbach
† 03.03.1961 in Corvara/Alta Badia Italien
Vater: Peter Josef Haselier
Mutter: Margarete Degens
1940: Ehe mit Eva Juliane Ottilie Ernestine Laura Witzell
Söhne: Horst Rüdiger *1941 und Klaus, *1945 Tochter Ute Maria *1949
Heinz Haselier studierte BWL/VWL in Köln. Er war Mitglied der Akademischen Turnverbindung Markomannia Köln. Nach einer kurzen Zeit in Berlin wurde er Soldat und geriet nach dem Krieg kurz in amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1946 zog er mit seiner Familie nach Eltville um. Hier übernahm er die Geschäftsführung der Vereinigung Rheingauer Weingüter e. V., die er bis zu seinem frühen Tod innehatte, und war bis 1953 auch Geschäftsführer des Rheingauer Weinbauvereins sowie kommissarischer Leiter der Rheingauer Weinwerbung. H. führte neben diesen Tätigkeiten mehrere Handelsvertretungen für Dünger sowie Weinbergsdraht und Korken.
Kurz vor dem Krieg „hatte der großdeutsche Abstinenzler die traditionellen Weinversteigerungen aufhören lassen.“ Die Besatzungsmächte hatten Weinvorräte beschlagnahmt und gaben sie schrittweise frei. Als die traditionsreichen Rheingauer Weinversteigerungen 1949 wieder aufgenommen wurden, nahm der hochgewachsene „Riese“ H. den Hammer in die Hand und leitete diese Verkaufsveranstaltungen mit „kölschem Humor“, großer Umsicht und mit Einfühlungsvermögen. Der Wiederaufstieg der einstmals populären Verkaufsveranstaltungen nach dem Krieg ist wesentlich ihm zu verdanken. Er übernahm auch Versteigerungen in den Weinbaugebieten Pfalz, Rheinhessen und Nahe. Nicht zu Unrecht nannte die Presse Haselier den „ungekrönten Versteigerungskönig“ und „Bundessteiglasser“.
Kurz vor den anstehenden Frühjahrsversteigerungen starb er nach einem Skiunfall im März 1961. Eberhard von Oetinger sprang kurzfristig für ihn ein und leitete die Versteigerungen dann bis 1994.
Quellen:
- Mündliche und schriftliche Mitteilungen der Tochter von Heinz Haselier, Ute Derstroff-Haselier, sowie von ihr gesammelte Zeitungsausschnitte
- „Die Steuern abtrinken“ in: DER SPIEGEL vom 2. Juni 1949, S. 24f
- „Da leg‘ ich meinen Hammer hin...“ Nachruf von Gerhart Grothus, Wiesbadener Kurier (Kopie ohne Datum)
- Germans hopeful on Vineyard Crop. The New York Times Nov. 3, 158
- Rüdesheimer Weine – stark gefragt, gut bezahlt. In: Rheingauer Weinzeitung (1949), S. 61
- Der Rheingau – Der Weingau – Weinwerbung. In: Rheingauer Weinzeitung (1949). Ausgabe vom 1. August 1949, S. 4
Leo Gros, Geisenheim, Mai 2026

Vilem KRAUS, Prof. Ing. Rebenphysiologe und Rebenzüchter
* 30. Mai 1924 in Prag, Tschechien
† 7. Juni 2013 in Lednice, Tschechien
Vilém Kraus wurde am 30. Mai 1924 in Prag geboren. Im Jahr 1929 zogen seine Eltern nach Louny, wo er zuerst die Volksschule und danach das örtliche Realgymnasium besuchte. Nach der fünften Klasse des Gymnasiums schickten ihn seine Eltern in die Höhere Schule für Obst-, Wein- und Gartenbau in Mělník. Im Jahr 1949 begann er ein Studium an der Fakultät für Land- und Forstwirtschaft der Tschechischen Technischen Universität in Prag und wechselte nach dem ersten Staatsexamen an die Gartenbau- und Weinbaufakultät der Landwirtschaftlichen Hochschule in Brno. Bereits in seiner Diplomarbeit „Möglichkeiten der Hocherziehung in unseren Weinbaugebieten“ ging es um weinbautechnische und physiologische Fragen und die Verbesserung von Qualität und Wirtschaftlichkeit der Traubenproduktion. Diese Themen sollten ihn sein ganzes Leben begleiten. Der Kontakt zur Praxis und Forschung für die Praxis war ihm sehr wichtig. Von 1955 bis 1964 arbeitete er an der Zuchtstation in Velke Zernoseky. 1960 reichte er seine Dissertation über „Die Historische Entwicklung des Nordböhmischen Weinbaugebiets und Rekonstruktionsvoraussetzungen“ an der Universität Brno ein und wurde promoviert. Von 1964 bis 1991 war er Leiter des Instituts für Weinbau an der Gartenbauliche Fakultät der Universität Brno in Lednice.
In Tschechien ist K. vor allem wegen seiner physiologischen Arbeiten und seiner ganzheitliche Sicht der Produktion bekannt. Dazu gehören auch von ihm gezüchtete Peronospora- und Oidium-tolerante Sorten, wie Neronet und Rubinet und die Unterlagssorte K-1. Neben Pilzresistenzen aus amerikanischen Wildformen, wie sie in der deutschen und französischen Rebenzüchtung zu der Zeit üblich waren, benutzte er bei seinen Kreuzungen auch Peronospora-Resistenzen aus der asiatischen Wildform Vitis amurensis, zu denen er durch Kontakte mit russischen Kollegen Zugang hatte. Aus einer von K. 1964 durchgeführten Kreuzung von Zarya Severa (Vitis amurensis Abkömmling) und St. Laurent selektierte Prof. Helmut Becker, aus ihm überlassenen Kernen, in Geisenheim die Sorte Rondo. Der Pollen weiterer V. amurensis-Abkömmlinge aus den Zuchtquartieren von Helmut Becker wurde von Norbert Becker am Weinbauinstitut Freiburg für Kreuzungen weiterverwendet. Hieraus entstanden Freiburger Sorten wie Bronner oder Solaris. So wurde durch K. Erbgut der Peronospora-resistenter asiatischer Wildformen in die Rebenzüchtung in Freiburg und Geisenheim eingeführt, was zu einer deutlichen Steigerung der Peronospora-Resistenz dieser Zuchtstämme führte. Im Gegenzug wurden auch Geisenheimer Sorten durch K.s Wirken in Tschechien getestet. So auch der Zuchtstamm Gm 322 58, der wegen seiner guten Weinqualität (Sauvignon blanc-Aromen) und hohen Winterfrosttoleranz in Tschechien zu den wichtigen neuen Peronospora-toleranten Sorten gehört. Wegen der hohen Frostresistenz erhielt sie dort den Namen Hibernal. K. ist auch deshalb in Deutschland bekannt, weil er hervorragend Deutsch sprach und schrieb. Bis ins hohe Alter führte er im großen Garten hinter seinem Haus in Lednice Kreuzungen durch und zog Sämlinge auf.
Das wichtigste Anliegen von K. war die Verbesserung der Situation des Weinbaus in Tschechien. K. hat an zahlreichen Büchern und Filmen mitgearbeitet und erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seine wissenschaftlichen Arbeiten.
Ehrungen:
- Goldmedaille der Mendel-Universität für Land- und Forstwirtschaft, Brno
- Silbermedaille der Masaryk-Universität
- Gedenkmedaille des Internationalen Büros für Rebe und Wein O. I. V. in Paris
- Gedenkmedaille für sein Lebenswerk für den Weinbau in der Tschechischen Republik
Rebsorten:
- Rubinet
- Neronet
- Unterlage K-1
Quellen:
- SVOBODA, Jaroslav. Dnes by oslavil 98. narozeniny Vilém Kraus, jeden z největších českých vinařů. Náš region. [Heute wäre der 98. Geburtstag von
Vilém Kraus gewesen, einem der größten tschechischen Winzer. Unsere Region.]
[online]. 30.05.2022. - https://www.rebeundwein.de/aktuelles/news/article-3934650-198999/prof-vilem-kraus-verstorben-.html
- https://brnodaily.com/2024/08/16/science/mendelu-faculty-of-horticulture-commemorates-life-and-work-of-professor-vilem-kraus/
- Persönliche Kontakte und Informationen von Fachkollegen
Bildquelle: © hs-gm
Autor: Ernst Rühl, Geisenheim, Oktober 2025

