Oscar von Fraas – Pfarrer, Geologe, Paläontologe, Leiter des königl. Naturalienkabinetts in Stuttgart, Vorstand der Gesellschaft für die Weinverbesserung in Württemberg, Dozent für Weinbau an der Landwirtschaftlichen Akademie Hohenheim 

* 17.1.1824 in Lorch;
† 22.11.1897 in Stuttgart;
Vater: Christoph Friedrich F. (1791–1861), Pfarrer in Laufen an der Eyach, Dekan in Balingen
Mutter: Ernestine geb. Neuffer (1802–1868), Tochter des Kameralverwalters Martin Neuffer in Lorch und der Oberamtmanns-Tochter Friederike Pistorius
⚭ 1) Balingen 1850 mit Fanny geb. Sayle aus Leutkirch (1827–1864), 2) Leonberg 1868 mit Anna geb. Theurer aus Leonberg (1837–1917)
7 Kinder aus 1), 6 Kinder aus 2)

 

F. wuchs in Lorch auf und besuchte die Lateinschule in Göppingen. Nach dem Landexamen folgte das vierjährige Seminar in Blaubeuren. Damit war sein Werdegang im protestantischen Milieu Württembergs quasi vorgezeichnet, obwohl sein Interesse vielmehr den Naturwissenschaften galt: F. studierte Theologie am Tübinger Stift, legte 1845 das Pfarramtsexamen ab, kam als Vikar nach Balingen und Leutkirch und nahm dann eine Pfarrstelle in Laufen a. d. Eyach an. Neben dem Theologiestudium hatte F. Vorlesungen des Mineralogen F. A. Quenstedt (1809–1889) gehört. Mehrere Veröffentlichungen machten ihn in naturwissenschaftlichen Kreisen bekannt, 1851 wurde er aufgrund einer vergleichenden paläogeographischen Arbeit über den schwäbischen, französischen und englischen Jura in Würzburg promoviert.

1854 bot sich F. die Gelegenheit, im Kgl. Naturalienkabinett in Stuttgart als Hilfskraft zu arbeiten. 1856 erhielt er, verknüpft mit dem Professorentitel, die Verantwortung für die paläontologische Sammlung. Sein Schwerpunkt waren fossile Wirbeltiere. Doch er grub nicht nur Saurier aus, sondern sicherte auch die ersten Spuren eiszeitlicher Menschen in der Region: Mit Grabungen im Bereich der Höhlen des Lonetals begründete F. die wissenschaftliche Erforschung des Paläolithikums in Südwestdeutschland. F. wirkte maßgeblich bei der geologischen Landesaufnahme mit, erarbeitete eine geognostische Profilierung sämtlicher Eisenbahnlinien in Württemberg und legte Konzepte zur Albwasserversorgung und zur Trinkwasserversorgung in Stuttgart vor.

F. beschäftigte sich zudem intensiv mit dem Weinbau seiner Zeit und bewirtschaftete in Stuttgart einen eigenen Weinberg. Seine Geologischen Wandtafeln für den Anschauungs-Unterricht leisteten nicht zuletzt einen wichtigen Beitrag, um den Zusammenhang zwischen Weinqualität und Bodentyp zu verstehen.

Im Frühjahr 1875 unternahm F. eine dreimonatige geologische Forschungsreise in den Libanon auf Einladung von Rustem Pasha, Gouverneur des Mutasarrifats des Berges Libanon. Hieraus resultierte neben vielen Forschungsergebnissen eine umfangreiche Beschreibung des Weinbaus im Libanon. Nach seiner Rückkehr errichtete F. in seinem Weinberg in der Lage Hühnerdieb oberhalb des Eugensplatzes ein kleines Landhaus, das er in Erinnerung an seine Reise Villa Libanon nannte und 1883 zum Wohnsitz umbaute. Die Villa wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, heute erinnern die Fraasstraße und die Libanonstraße, die sich durch den gesamten Stuttgarter Osten zieht, an den Naturforscher.

Von 1876 bis 1891 stand F. der Gesellschaft für die Weinverbesserung in Württemberg vor.

1876 zeichnete er als Herausgeber für die 2. Auflage von Dornfelds Weinbauschule verantwortlich. Die Kapitel über Lage und Boden sowie über die Rebsorten bearbeitete F. hierfür völlig neu. F. nahm regelmäßig an den Weinbaukongressen teil und beteiligte sich mit Fachbeiträgen. F. war einer der ersten Geologen moderner Prägung. Er erkannte das Zusammenspiel von Klima, Geländegestalt und Boden als wesentliche Faktoren für die Rebkultur und setzte sich wissenschaftlich damit auseinander. F. beschäftigte sich zudem mit der Frage, wie Rebsorten sich an unterschiedliche Standorte anpassten, wobei Darwins Theorie von der Veränderlichkeit der Species Einfluss auf seine Überlegungen hatte.

Mit seiner Argumentation lag F. allerdings nicht immer richtig – so schloss er bei einem Vortrag beim Weinbaukongress in Heilbronn 1881 von der guten Frostresistenz des Rieslings darauf, dass die Sorte auch gegen die Reblaus resistent sein würde, was bekanntermaßen nicht der Fall war.

F. vermochte sein Wissen in Vorträgen und Publikationen hervorragend zu vermitteln. Akademisch lehrte er indessen nur in einem Fachgebiet: Von 1882 bis 1892 war F. als Dozent für das Fach Weinbau an der Landw. Akademie Hohenheim verantwortlich.

F. war nicht nur passionierter Weinliebhaber, sondern auch ein herausragender Weinkenner weit über den schwäbischen Horizont hinaus. Die in seinen Reiseberichten enthaltenen Schilderungen über den Weinbau im Libanon und in Syrien, Griechenland und Spanien wurden stark rezipiert. Sie flossen bspw. ein in Wilhelm von Hamms Weinbuch, ein umfassendes Kompendium, das den Stand des Weinbaus in allen Weinbauregionen der Welt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wiedergibt.

F. engagierte sich in vielfältiger Weise, er war u.a. Mitglied der Leopoldina, Gründer und langjähriger Vorsitzender der anthropologischen Gesellschaft Württemberg, Vorstand im Verein für vaterländische Naturkunde in Württemberg sowie zeitweise Gemeinderat in Stuttgart und Vorstand im Gewerbeverein.

 

Ehrungen:

Anlässlich seiner Pensionierung 1891 Erhebung in den erblichen Adelsstand

Dr. h.c. der Universität Tübingen

Träger des Olga-Ordens

 

Veröffentlichungen:

F.'s wissenschaftliches Werk umfasst über 200 Publikationen mit Schwerpunkt auf Geologie, Paläontologie, Speläologie und Ur- und Frühgeschichte.

Im Bereich Weinbau sind zu nennen:

Dornfeld's Weinbauschule. Neu bearbeitet von den Ausschußmitgliedern der Gesellschaft für Verbesserung des Weins in Württemberg, hg. von Oscar Fraas, Heilbronn 1876.

Drei Monate am Libanon, Stuttgart 1876.

Geologische Wandtafeln für den Anschauungs-Unterricht, mit Lithographien v. Jul. Joh. Haecker, Verlag Eugen Ulmer, Ravensburg 1872.

 

Quellen:

Berckhemer, Fritz: Oskar Fraas. Geologe und Vorgeschichtsforscher, Vorstand des Kgl. Naturalienkabinetts in Stuttgart, in: Schwäbische Lebensbilder (Bd. 1, 1940), S. 179–192.

Quenstedt, Werner: Fraas, Oscar von, in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 308 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116678364.html#ndbcontent

Kurt Lampert: Nekrolog Oscar Fraas, in: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg (Bd. 54, 1898), S. XXIX–XXXIII.

Bericht über die Verhandlungen des VI. Deutschen Weinbau-Congresses in Heilbronn im September 1881, hg. von H.W. Dahlen, Karlsruhe 1882.

Schröder, Karl-Heinz: Weinbau und Siedlung in Württemberg, Remagen 1953 

175 Jahre Weinbauverband Württemberg e.V., Festschrift, hg. vom Weinbauverband Württemberg e.V., Weinsberg 1999.

Akten im Hauptstaatsarchiv Stuttgart

 

Autor:

Dr. Christine Krämer

 

Abbildungsnachweis:

Schwäbische Lebensbilder (Bd. 1, 1940), S. 193.

Karl Joseph Riepp – Orgelbauer, Weinhändler, Weingutsbesitzer 

* 24.1.1710 in Eldern bei Ottobeuren
† 5.5.1775 in Dijon
Vater: Martin Riepp (1668–1733), Schneider und Mesner in Eldern
Mutter: Barbara geb. Bertler
14 Geschwister und Halbgeschwister aus den 3 Ehen seines Vaters Martin Riepp
⚭ 18.4.1741 Anne-Françoise geb. Eve (1718–1779), 10 Kinder, von denen lediglich zwei Töchter das Erwachsenenalter erreichten: Jeanne Françoise verh. Trouvé (1753–1802) und Claude (1754–1812)

 

R.s Vater war Mesner in der Wallfahrtskirche Maria Eldern. So kam R. mit der Orgelbaukunst in Berührung und absolvierte gemeinsam mit seinem Bruder Rupert Riepp (1711–1749) eine Orgelbaulehre. Nach Wanderjahren u.a. im Elsaß ließen sich die Brüder mit einer eigenen Werkstatt in Dôle nieder. Für die Benediktinerabteikirche St. Bénigne in Dijon baute R. ab 1740 seine größte Orgel in Frankreich. Damit stieg er zu den gesuchtesten Orgelbauern Frankreichs auf, es folgten zahlreiche Aufträge im Burgund und in der Franche-Comté. R. fertigte (bis 1749 in Assoziation mit seinem Bruder) insgesamt 34 Orgeln, darunter 11 viermanualige Großorgeln. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören neben der Orgel der Kathedrale in Dijon die Stiftskirchenorgel in Dôle, die Dreifaltigkeitsorgel in der Benediktinerabteikirche Ottobeuren und die Orgelanlage in der Zisterzienserabtei Salem, die zu ihrer Zeit als die weltweit größte galt.

1741 heiratete R. Anne-Françoise Eve, die aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie in Dôle stammte. 1743 zog das Ehepaar nach Dijon, 1747 verlieh König Ludwig XV. R. das französische Bürgerrecht, 1748 wurde er in die Gilde der Weinhändler in Dijon aufgenommen. R. hatte begonnen, Burgunderwein nach Deutschland zu verkaufen und sah darin großes Potential: 1755 verriet er dem berühmten Elsässer Orgelbauer Johann Andreas Silbermann, er verdiene mit dem Weinhandel mehr als mit dem Orgelbau. Diesen Profit investierte R. in Weinbergbesitz an der Côte de Nuits: 1763 erwarb er ein 5 Hektar großes Weingut mit Spitzenlagen in Vosne und oberhalb des Clos de Vougeot (heute Teil der Grands Crus Romanée Saint Vivant und Echézeaux). Er war unmittelbarer Nachbar der berühmten Domaine de la Romanée-Conti, seit 1760 im Besitz des Prince de Conti. Es folgten zahlreiche Ankäufe in heute als Premier Cru eingestuften Lagen von Chambolle (u.a. Aux Combottes, Les Sentiers, Les Véroilles, Clos de l'Orme) und Morey (u.a. Monts Luisants, Clos des Ormes, Les Ruchots). R.s Ehefrau Anne-Françoise besaß Prokura und war während der teils monatelangen Abwesenheit ihres Mannes nicht nur für die Weinproduktion zuständig, sondern konnte auch selbständig Zukäufe von Rebparzellen tätigen.

1772 besaß das Ehepaar Riepp 12 Hektar Rebfläche in den besten Lagen der Côte de Nuits und erzeugte 228 Pièces (520 hl) eigenes Gewächs. Darüber hinaus handelte R. mit den Weinen anderer Erzeuger. Den Wein lieferte er insbesondere an die Prälaten süddeutscher Klöster, mit denen er über seine Heimat Ottobeuren und den Orgelbau in Verbindung stand. Burgunder waren in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den beliebtesten Spitzenweinen an europäischen Fürstenhöfen avanciert. Die kulturelle Blüte süddeutscher Klöster im 18. Jahrhundert äußerte sich nicht nur in prachtvollen barocken Kirchen- oder Bibliotheksbauten, sondern entfachte zudem ein entsprechendes Repräsentationsbedürfnis, das sich nicht zuletzt in einer verfeinerten Weinkultur ausdrückte. Diese Chance wusste R. zu greifen. Er verstand es, die Lust an erlesenen Burgunderweinen zu befeuern und entsprechende Gewächse zu liefern. Hierfür nutzte er auch familiäre Verflechtungen: Riepps Schwester Magdalena war mit dem Ottobeurer Weinhändler Johannes Danner verheiratet. Er und später sein Schwiegersohn Johannes Philipp Bazer, ebenfalls Weinhändler, ermöglichten es R., Burgunderwein bis nach München zu vertreiben. Der Cousin von Anne-Françoise R., Ernest Marchand, war Privatsekretär von Abt Anselm II. von Salem, mit dem R. seit etwa 1750 in engen und vertrauensvollen Geschäftsbeziehungen stand. R.s Tochter Jeanne Françoise heiratete 1769 Barthélemy Trouvé, Ratsangehöriger am Parlament in Dijon und Neffe von Dom François Trouvé, letzter Generalabt von Cîteaux.

In R.s Portrait kommt sein berufliches Selbstverständnis zum Ausdruck: Im Hintergrund die Salemer Orgel, neben ihm ein Rebstock mit Trauben, auf dem Tisch eine Kristallkaraffe gefüllt mit Rotwein, darauf ein Stimmhorn, das als Kerzenhalter dient. Er sah sich als Orgelbauer, Weinerzeuger und Weinhändler gleichermaßen. R. exportierte nicht nur Wein, sondern belieferte die Zisterzienserabtei Salem zudem mit Tausenden Rebsetzlingen. Damit begründete er zwar nicht den Anbau von Spätburgunder am Bodensee, wie behauptet wird, denn die roten Seeweine wurden bereits Jahrhunderte zuvor aus Burgundervarietäten gewonnen. Das Beispiel der Familie R. zeigt vielmehr, wie Handelsaktivitäten die Weinkultur einer Region nachhaltig prägen.

Weingut und Weinhandel wurden nach R.s Tod von dessen Erben nicht weitergeführt, die Rebparzellen veräußert. Lediglich das Haus in Vosne blieb in Familienbesitz und diente nach der Revolution dem letzten Abt von Cîteaux als Wohnsitz, wo er 1797 verstarb.

 

Quellen:

Guéritey, Pierre-Marie: Karl Joseph Riepp et l’orgue de Dôle, 2 Bde, Bron 1985.

Guéritey, Pierre-Marie et Michelle: Karl Joseph Riepp facteur d’orgues à Dijon 1710–1775, Beaune 1988.

Guéritey, Pierre-Marie: Le Grand orgue de la Cathédrale Saint Bénigne de Dijon, hg. von Les Amis de l’orgue de la Cathédrale, Dijon 1995.

Miltschitzky, Josef: Ottobeuren. Ein europäisches Orgelzentrum. Orgelbauer, Orgeln, und überlieferte Orgelmusik (Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag 8), Marburg 2015.

Wörsching, Joseph: Der Orgelbauer Karl Riepp (1710–1775). Ein Beitrag zur Geschichte der süddeutschen Orgelbaukunst des 18. Jahrhunderts, Mainz 1940.

Krämer, Christine: Der Spätburgunder – die variantenreiche Rebsorte am See, in: Seewein – Weinkultur am Bodensee, hg. von Thomas Knubben und Andreas Schmauder in Zusammenarbeit mit Christine Krämer, Ostfildern 2016, S. 155–164.

Akten im Generallandesarchiv Karlsruhe, Bestand 98 (Salem)

 

Autor:

Dr. Christine Krämer, Stuttgart

 

Abbildungsnachweis:

Karl Joseph Riepp, Portrait, entstanden 1774 in Salem, vermutlich von Andreas Brugger (1737–1812), Hofmaler in Salem, heute Sammlung der Amis du Grand-Orgue de Saint-Bénigne de Dijon, Public Domain via Wikimedia Commons

Otto VAN VOLXEM – Weingutsbesitzer, Landtagspräsident 

* 18.08.1913 in Hamm/Westfalen
† 16.02.1994 in Oberemmel
Vater: Gustav Van Volxem, Brauereibesitzer
Mutter: Lina, geb. Schmidt
⚭ Maria Josefine geb. Reiter (1948)
4 Kinder
 

Otto Van Volxem entstammte einer Kaufmannsfamilie aus Brabant. Im 18. Jahrhundert zog einer seiner Ahnen, Jakob, nach Trier, wo ein Nachfahre, der Brauereibesitzer Gustav, das säkularisierte Weingut des Luxemburger Jesuitenkollegiums in Wiltingen erwarb. Otto verbrachte seine Kindheit zunächst in Eitorf/Sieg und nach dem frühen Tod seiner Eltern in Bonn, wo er in Bad Godesberg das Aloisiuskolleg besuchte. Nach dem Abitur durchlief er ab 1933 eine vierjährige Ausbildung an der Weinbaulehranstalt in Trier, unterbrochen durch eine einjährige Militärzeit. Das in Familienbesitz stehende Weingut in Wiltingen ging 1937 durch Erbteilung zur Hälfte in seinen Besitz über, in deren Folge er sich in Oberemmel ansiedelte. Von 1939 bis 1945 war er Soldat im 2. Weltkrieg und kehrte schwer verwundet zurück. Nach Rückkehr aus dem Kriege und kurzer amerikanischer Kriegsgefangenschaft baute er das Weingut mit seinen Lagen im Scharzhofberg, Wiltinger Braunfels u.a. wieder auf. Er engagierte sich bei der dringend notwendigen Weinbergsflurbereinigung und beim planmäßigen Wiederaufbau in den stark reblausverseuchten Weinbaugemeinden an Mosel und Saar.

Aber er wollte auch am demokratischen Aufbau Deutschlands mitwirken und trat früh der  CVP/Saargebiet und nach der Gebietsreform 1947 der CDU bei, in deren Zuge der Kreis Saarburg dem neu gegründeten Lande Rheinland-Pfalz zugeschlagen wurde. Dieses politische Engagement steckte ihm im Blut. Der Großvater mütterlicherseits war mehrere Jahre Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses und von 1893 bis 1908 Abgeordneter im Reichstag; er zählte zu den profiliertesten Zentrums-Politikern. Auch Otto machte rasch politische Karriere. Von 1948 bis 1969 war er Mitglied des Kreistages Saarburg, von 1951 bis 1971 gehörte er dem rheinland-pfälzischen Landtag an. Von 1957 bis 1959 war er Innen- und Sozialminister, von 1959 bis 1971 Landtagspräsident.

Van V. setzte sich als Landespolitiker intensiv für die Belange des Weinbaues ein. Er war einer der Väter der Weinwerbung Mosel-Saar-Ruwer (1964 gegründet) und deren langjähriger Vorsitzender und Ehrenvorsitzender. Wegbegleiter und Freunde beschrieben ihn als zugewandten, geradlinigen und durchaus jovialen Menschen. Er sei sich zwar seiner großbürgerlichen Herkunft bewusst gewesen, aber doch stets unkompliziert auf die Menschen seiner Heimat zugegangen und habe sich nachdrücklich für sie eingesetzt.

Quellen:

Informationen von Elisabeth Van Volxem-Günther

Literatur:

o. V.: Volxem, Otto van, in: Der Präsident des Landtags (Hg.): Die Stellvertreter des freien Volkes. Wiesbaden 2015.

Faas, Karl-Heinz: Volxem, Otto van, in: Paul Claus und Mitarbeiter: Persönlichkeiten der Weinkultur, Schriften zur Weingeschichte Nr. 140, Wiesbaden 2002, S. 188.

Autor:

Dr. Rudolf Nickenig, Remagen

Abbildungsnachweis:

Elisabeth Van Volxem-Günther

Fritz (Friedrich) Ulrich – Redakteur, Weingärtner, SPD-Politiker, Innenminister von Baden-Württemberg 

* 12.2.1888 in Schwaikheim;
† 7.10. 1969 in Stuttgart-Sillenbuch;
Vater: Carl Friedrich U., Eisenbahnarbeiter (1841–1922)
Mutter: Christine Friedericke geb. Ellwanger (1846–1929)
⚭ 1913 Berta Amalie geb. Winter, Schneiderin, Direktrice (1887–1976)
2 Kinder, Dorothea verh. Zintz (1918–2009) und Hermann (1923–1945 ⚔)

 

U. wuchs als neuntes von zehn Kindern einer Arbeiterfamilie in Schwaikheim bei Winnenden auf. Er absolvierte eine Schriftsetzer- und Druckerlehre und arbeitete nach Stationen in Stuttgart und Reutlingen ab 1912 als Redakteur der sozialdemokratischen Tageszeitung Neckar-Echo in Heilbronn. In Reutlingen hatte er Berta, Tochter eines Weingärtners, kennengelernt, die er 1913 heiratete. 1907 war U. in die SPD eingetreten, 1919 zog er als Heilbronner SPD-Abgeordneter in die Verfassunggebende Landesversammlung Württemberg-Hohenzollern ein und wurde bei allen folgenden Landtagswahlen wiedergewählt. Von 1928 bis 1932 war er Vorsitzender der Landtagsfraktion, 1930 bis 1933 darüber hinaus Abgeordneter des Deutschen Reichstags. U. widersetzte sich massiv der erstarkenden NSDAP. Nach der Machtergreifung Hitlers wurde U. mehrfach drangsaliert und verhaftet, er verlor seine Stelle als Redakteur und sein Mandat. Von April bis November 1933 saß er in Schutzhaft im KZ Heuberg.

Vorsorglich hatte seine Ehefrau, die mit einem kleinen Textilgeschäft ebenfalls zum Familienunterhalt beitrug, bereits 1932 einen Weinberg im Vorderen Ried am Heilbronner Wartberg erworben. Seiner beruflichen Grundlage beraubt, baute U. sich nach der Haftentlassung eine neue Existenz als Weingärtner und Besenwirt auf. Er pflanzte Reben, u.a. Riesling, und konnte „von Jahr zu Jahr steigende Weinmengen von guter Qualität erzeugen und absetzen“. Aushänge, mit denen er für den Ausschank in seiner Besenwirtschaft warb, unterschrieb er mit „Fritz Ulrich, früher Redakteur, jetzt Weingärtner“. Hier trafen sich seine Parteifreunde – darunter Carl Severing, Paul Löbe, Adam Remmele, Georg Schöpflin, Wilhelm Keil oder Erich Roßmann – bei einem Viertele Ulrichsteiner, wie seine Freunde das Gewächs liebevoll nannten, doch bereits 1938 wurde U. der Ausschank untersagt. Bis 1943 konnte er seinen selbst erzeugten Wein noch verkaufen. Die alten Verbündeten trafen sich nun in der Abgeschiedenheit seines Weinberghäuschens, bis U. 1944 erneut verhaftet und für vier Monate ins KZ Dachau verschleppt wurde.

Im November 1944 kehrte er als körperlich und seelisch schwer gezeichneter Mann zurück. Im Dezember 1944 versank Heilbronn im Feuersturm, auch das Haus der Familie U. wurde zerstört. Im Januar 1945 fiel sein gerade 22 Jahre alter Sohn Hermann an der Front. Als ihn die amerikanische Militärregierung 1945 für ein Amt in der neuen Landesverwaltung gewinnen wollte, zögerte der 1000jährige Wengerter, wie er sich selbst bezeichnete. Er sei während des Naziregimes politisch sauber geblieben. Das wolle er auch fernerhin so halten, schrieb er an die Militärregierung, er wolle „lieber ein namenloser und bescheidener Winzer bleiben, als Chef eines glanzvollen Amtes mit für mich unerträglichen Gewissenbelastungen zu werden“. Dennoch übernahm er kurze Zeit später das Amt des Landesdirektors und wurde Innenminister, zunächst von Württemberg-Baden, und nach der Bildung des Südweststaats 1952 von ganz Baden-Württemberg. Der Aufbau eines demokratischen Rechtsstaats, die kommunale Selbstverwaltung, die Wiederherstellung der zerstörten Infrastruktur, die Wohnraumbeschaffung und die Integration von mehr als 1,5 Millionen Flüchtlingen und Heimatvertriebenen gehörten zu den großen Aufgaben in seiner Amtszeit. Das Amt des Innenministers bekleidete er bis 1956, Landtagsabgeordneter blieb er bis 1968. Der Mann mit Spitzbart und Zigarre verstand es stets, Auseinandersetzungen mit seinem allgegenwärtigen Humor zu entschärfen und erfreute in geselliger Runde seine Zuhörer mit Gôgenwitzen. Gern erzählte er die Anekdote vom Reutlinger Wein, der weithin für seine Säure bekannt war und von dem seine Frau ein Fass als Teil ihrer Aussteuer mit in die Ehe gebracht hatte: „Seit ich den probiert habe, weiß ich, woher das Wort Mitgift kommt.

Seit U. als Innenminister nach Stuttgart gezogen war, baute die Weinbauschule in Weinsberg seine Weine aus. Zur Weinlese war U. aber immer mit der Butte auf dem Rücken in seinem Weinberg in Heilbronn anzutreffen. Sein Wein hatte ihn finanziell über Hitlers 1000jähriges Reich gerettet. Nicht zuletzt deshalb blieb er dem Weinbau und den Weingärtnern in Württemberg zeitlebens tief verbunden. Als Redner auf Weinfesten trat er so vehement für die Weinkultur ein, dass er sich 1951 gar eine Beschwerde der Vertriebsfirma von Coca-Cola einhandelte, die sich, nachdem U. sich dazu hatte hinreißen lassen, von einer Coca-Cola-Seuche zu sprechen, entschieden dagegen verwahrte, „dass Sie in Ihrer amtlichen Eigenschaft zum Kampf gegen unser Erzeugnis aufrufen“.

 

Ehrungen:

Ehrenbürger der Stadt Heilbronn

Ehrenbürger der Gemeinde Schwaikheim

Verfassungsmedaille in Gold des Landes Baden-Württemberg

Namenspatron der Fritz-Ulrich-Schule in Heilbronn, der Fritz-Ulrich-Halle in Schwaikheim, des Fritz-Ulrich-Weges in S-Möhringen, des Fritz-Ulrich-Weges in Schwaikheim und des Naturfreundehauses in Schwaikheim.

 

Quellen:

Ulrich, Fritz, Redakteur, MdL und MdR-SPD, Verfolgter des NS-Regimes, Innenminister von Württemberg-Baden und Baden-Württemberg, 1888–1969, in: BWB 3 (= Baden-Württembergische Biographien 3, Stuttgart 2002), S. 425–427 sowie LB 18 (= Lebensbilder aus Baden-Württemberg 18, Stuttgart 1994), S. 485–499.

Reinen Wein einschenken. Weinwelt im Wandel, Katalog zur Ausstellung vom 29. September 2006 bis 29. Juli 2007, hg. vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 2006, S. 84/85.

Röder, Erhard (Hg.): Fritz Ulrich. Wengerter und Minister. Vom Benjamin zum Alterspräsidenten, Stuttgart 1968.

Christhard Schrenk: Fritz Ulrich. Zum 100. Geburtstag, in: Jahrbuch für schwäbisch-fränkische Geschichte 32 (1992), S. 279–292.

Simon M. Haag: Der „tausendjährige“ Wengerter. Fritz Ulrich (1888-1969). In: Christhard Schrenk (Hg.): Heilbronner Köpfe II (Kleine Schriftenreihe des Archivs der Stadt Heilbronn 45), Heilbronn 1999, S. 173–190.

Landtag von Baden-Württemberg. Gedenkbuch Politisch verfolgte Abgeordnete von 1933 bis 1945, Online-Version: https://www.landtag-bw.de/contents/gedenkbuch/abgeordnete/VA_Ulrich%2C%20Fritz~243.html (ausgelesen am 21.10.2021).

Akten im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Nachlass Fritz Ulrich).

 

Autor:

Dr. Christine Krämer

 

Abbildungsnachweis:

Fritz Ulrich bei der Weinlese in seinem Weinberg in Heilbronn, https://stadtarchiv.heilbronn.de/stadtgeschichte/geschichte-a-z/u/ulrich-fritz.html

© Stadtarchiv Heilbronn

Jakob Zimmermann – Weinkaufmann 

* 22.08.1853 in Zell/Mosel
† 11.05.1907 in Bielefeld
Vater: Josef Zimmermann (* 1816 in Nievern, † 04.09.1864 in Zell)
Mutter: Anne Margarethe Menten (* 11.11.1815 in Zell, † 13.01.1883 in Zell)
⚭ am 01.12.1888 mit Pauline geb. Graeff (* 22.04.1857 in Zell)
2 Kinder, Elfriede und Paula

 

Jakob Zimmermann entstammt einer begüterten Weingutsbesitzerfamilie in Zell/ Mosel, die dort Weinbau und in einem ansehnlichen Gebäudekomplex auf dem „Kuxborn“ einen Weinausschank mit großem Tanzsaal betrieb. Jakob erhielt eine solide kaufmännische Ausbildung in der angesehenen Kölner Firma Kemmrich, die eine Kaffeerösterei und einen Großhandel betrieb. Er war offenbar so geschäftstüchtig und vertrauenswürdig, dass sein Chef und dessen Frau, kinderlos, ihn adoptieren und zum Teilhaber und Erben einsetzen wollten. Obwohl er von seiner Arbeit und vom Kölner Karneval sehr begeistert war, lehnte er aus Heimatliebe ab und gründete 1886 in Zell eine eigene Weingroßhandlung. Hierzu erwarb er von den Herren Nobile und Schneider ein Kellereianwesen in Corray, das als Sekt-Fabrik gedient hatte, und begann das Geschäft aufzubauen und einen Kundenstamm in den Abnehmergebieten zu gewinnen. Dank seines leutseligen Wesens hatte er rasch beachtliche Erfolge auf seinen Geschäftsreisen. Auch privat lief es gut: Er heiratete Pauline, die Tochter des Zeller Tabak-Fabrikanten Joh. Baptist Graeff. Aus der Ehe gingen zwei Kinder, Elfriede und Paula, hervor. Im Jahre 1900 begann er neben seinem Haus kleine Parzellen anzukaufen, um auf ihnen ein neuzeitliches Wohnhaus mit Kellerei zu errichten. Als Architekten beauftragte er den Baumeister Lamberty aus Trier, der in Zell mehrere öffentliche Gebäude erbaut hatte. Das neue Haus, Nr. 20 in Corray, zeichnete sich durch eine edle Fassade in gotischem Stil aus. Jakob ließ seine Firma im Handelsregister unter dem Firmennamen „Zimmermann-Graeff“ eintragen, um Verwechslungen mit der Firma seines Bruders Josef Z. zu vermeiden. Bald mietete er weitere Betriebsstätten an, da das Geschäft blühte.

Neben seiner kaufmännischen Tätigkeit widmete er sich als Stadtrat den Interessen seiner Vaterstadt. Er gilt als Gründer der Zeller Feuerwehr. Als Stadtrat trat er engagiert für den Bau der Moseltalbahn mit Normalspur ein, um den Anschluss an die Reichsbahn in Bullay zu ermöglichen. Um sich gegen die Befürworter einer Schmalspurbahn durchzusetzen, scheute er keine Mühen und Kosten, so fuhr er auf eigene Kosten nach Berlin ins Handelsministerium, um für seine Ideen zu werben. Am 8. August 1905 fuhr der erste Zug in den Zeller Bahnhof ein, auf Normalspur. 

Nur knapp zwei Jahre später, im Mai 1907, starb er auf einer Geschäftsreise an einem Schlaganfall. Zu seiner Beisetzung kam eine riesige Menschenmenge, sogar die Kinder hatten schulfrei, heißt es in einer Familienchronik. Seine Frau Pauline lebte nur ein Jahr länger. So lag die Verantwortung der Firmenführung bei ihrer Tochter Frieda, die im gleichen Jahr (1907) den Weingroßhändler Ferdinand Hübinger (1880–1916) aus Bingen heiratete, der in die Geschäftsleitung der Firma eintrat. Aber auch in dieser Beziehung war das Glück von kurzer Dauer: Ferdinand fiel 1916 im ersten Weltkrieg in Russland. Die junge Witwe musste mit ihren Kindern Paula und Fritz das Unternehmen mehrere Jahre lang alleine weiter führen und baute es zu einer der führenden Mosel-Kellereien aus.

Quellen:

Familienchronik Familie Zimmermann/Hübinger, Zell

Bistumsarchiv Trier

 

Autor:

Dr. Rudolf Nickenig, Remagen

 

Abbildungsnachweis:

Familie Johannes Hübinger, Zell

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